Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 431 
russischen Politik: Verkehr mit dem Abendlande zur Befruch— 
tung der russischen Kultur, Verbindung mit Konstantinopel zum 
Erwerb der Anwartschaft auf das byzantinische Kaisertum, volle 
Beseitigung der schattenhaft gewordenen Oberherrschaft der 
Goldenen Horde im Innern, Unterwerfung der russischen Teil— 
fürsten und der Städte Nowgorod und Pskow — Vordringen 
nach dem Becken der Ostsee. 
Von diesen Programmpunkten konnte der Zar die nach 
dem Nordosten weisenden ohne irgendwie stärkeren Einspruch 
der Polen und Deutschen durchzuführen beginnen: Nowgorod 
wurde 1478 unterjocht, während Pskow sich ohne weiteres 
fügte. Der Unterwerfung beider Städte folgte die Zerstörung 
der alten Bedeutung ihres Handels, insbesondere dessen von 
Nowgorod: die Wetschiglocke, das alte Zeichen des großen 
freien Marktes, wurde nach Moskau gebracht, die Kaufleute 
vertrieben, schnöde Völker in die Stadt gelegt, 1494 der 
Deutsche Petershof geschlossen. Es waren Schritte, welche die 
deutsche Handelsvorherrschaft im Innern Rußlands brachen, 
um so mehr, als ihnen die Verödung des Handels zu Polozk 
Anfang des 16. Jahrhunderts folgte. Doch traf der Schlag 
die deutsch-baltischen Städte anscheinend nicht zu sehr. Sie 
wie Narwa wurden nun Stapelplätze des russischen Handels 
und erwarben rasch Reichtümer in dem sich zunächst gewaltig 
entwickelnden Schmuggel. Freilich wurde damit der russische 
Einfluß schon teilweise an die Küste der Ostsee verlegt. Und 
Nowgorod war niemals das Endziel des Ehrgeizes Iwans ge— 
wesen. Der Vernichtung der Handelsstellung der Stadt waren 
schon im Jahre 1498 Verabredungen mit dem Könige von 
Dänemark vorausgegangen, die Ostsee auch in politischer Herr— 
schaft zu erreichen. 
Starker Widerstand seitens des Schwertordens war da— 
gegen kaum noch zu erwarten. Der Orden war in Müßig— 
gang, das Land in Reichtum aufgegangen; höchstens daß ein 
lüchtiger Meister, wie der ruhige Walter von Plettenberg, aus 
einem westfälischen Geschlecht, dessen Amtsantritt eben in die 
Zeit der Katastrophe von Nowgorod fiel, dem Ganzen noch 
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