164 Zweiundzwanzigstes Buch.
Nürnberg und Basel. Indes hatte sich diese Einwanderung
des 16. Jahrhunderts doch mehr an den Grenzen des deutschen
Wesens, im Rhein- und Donaulande, gehalten.
Weit tiefer drang und energischer war die Einwanderung
des 17. Jahrhunderts, wenn auch die Refugianten dieser Zeit
durchschnittlich wohl nicht so wohlhabend waren, wie die des
sechzehnten. Denn jetzt standen neben den reichen Manu—
fakturiers, d. h. Kaufleute-Fabrikanten, doch auch viele Hand⸗
werker. Die Einwanderung aber kam diesmal vor allem aus
Frankreich und war eine Folge vornehmlich des Ediktes von
Nantes, das einzelnen Gegenden des Landes die schwersten
Wunden schlug. So sank z. B. die Bevölkerung Lyons in
den Jahren von 1685- 98 von 90,000 auf 70 000, St. Etienne
verlor 2000 Einwohner, und in der Touraine sollen von
40 000 Seidenwebern nur 4000, von 8000 Seidenwebstühlen
nur 1800 übriggeblieben sein.
Was weiterhin diese Einwanderung auszeichnete, war die
Tatsache, daß sie vielmehr organisiert war als die früheren.
Und eben hier griffen die im Aufschwung zum Absolutismus
befindlichen protestantischen Staatswesen der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts tatkräftig ein. Lief das Bestreben der
deutschen Fürsten dieser Zeit sichtlich darauf hinaus, den
finanziellen Aufschwung ihrer Staaten durch wirtschaftlichen
Fortschritt herbeizuführen, so hatten sie sich doch bald über—
zeugt, daß dieser Fortschritt auf rein autonomem handels—
politischem Wege nach Lage der Dinge nur schwer zu erreichen
war. Deutschland, im Innern durch tausend Grenzzolllinien
zerrissen und in tausend verschieden behandelte Wirtschafts⸗
körper und Wirtschaftszellen zerfetzt, konnte selbständig weder
einen seiner Kulturhöhe angemessenen Binnenhandel entwickeln,
noch etwa gar sich am internationalen Handel würdig be—
teiligen: es blieb, innerlich gebunden, im Außenhandel eine
Beute der Fremden. So kam es vor allem auf Förderung
der Industrie an; und hier traten bei dem Verfalle des Zunft⸗
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in den Vordergrund. Überallhin wurden daäher eben diese