Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 67
gemeinen Entwicklungsgrundlage: eine höhere Freiheit, ein
breiteres Wirken in sich selbst hinein und in die Welt, ein
bewußteres Hervortreten der sogenannten unteren Seelenkräfte,
des Gemütes, des Willens, der Triebe, der Empfindungen:
eine allgemeine Intensivierung des seelischen Diapasons über—
haupt gegenüber der individualistischen Zeit bezeichnet den
Subjektivismus.
Soll nun nach alledem noch der Unterschied des jüngsten
Kulturzeitalters von den früheren Zeitaltern des Mittelalters
und der Urzeit mit zwei Worten erörtert werden, so begreift
sich ohne weiteres, daß die wichtigsten Unterschiede dann am
einfachsten und anschaulichsten herausspringen werden, wenn
man die entferntesten Zeitalter, das der letzten anderthalb
Jahrhunderte und das der Urzeit, sich gegenüberstellt. Dabei
wird es bei der, in dieser Perspektive gesehen, engeren Verwandt⸗
chaft des Subjektivismus und Individualismus wiederum mög⸗
lich sein, in die Betrachtung auch gelegentlich Bemerkungen
über die Stellung des Individualismus einzustreuen. Haben
doch besonders fortgeschrittene Geister schon der ersten Menschen⸗
alter des Individualismus gelegentlich Lichtblicke bis in sub—
jektivistishhe Fernen hinein getan: so Zwingli, wenn er mit
dem Ausspruche „Vom Himmel ist das „erkenne dich selbst'
herabgestiegen“ Kants praktische Philosophie, so Servede, wenn
er mit dem Satze, daß für die menschliche Erkenntnis das
Erkenntnisobjekt jederzeit in der Anschauung gelegen sein
müsse, Kants theoretischen Kritizismus in bestimmterer Ahnung
vorweg nahm.
So allgemeine Betrachtungen über den historischen Ver—
lauf, wie sie nunmehr nötig sind, werden aber immer an erster
Stelle von der Tatsache auszugehen haben, daß der Mensch
als geschichtliche Kraft ein gesellschaftliches Wesen ist. Ja man
kann in diesem Zusammenhange vielleicht geradezu von einem
grundsätzlichen Element der menschlichen Geistesanlage reden,
das in den Regungen des Gewissens wie den Idealen der
Kunst auf Einheit von Gott und Welt, auf Zusammenwirken
wenigstens aller Menschen gerichtet wäre, und kann in der