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Einleitung.
eine ganz allgemeine psychische Erscheinung war, beginnt dann
recht eigentlich das Zeitalter des Subjektivismus: gesteigerte
Empfindungen, mit subjektiven Gefühlsmomenten geschwängert,
rufen eine neue, noch unruhig und unsicher tastende Kultur
des Herzens und teilweise auch schon des Verstandes und
Willens hervor. Dem folgt dann der volle Durchbruch des
Neuen in Sturm und Drang, in vulkanisch wallenden und
gärungsreichen Formen: bis in dem Idealismus oder Klassi⸗
zismus der reifen Zeit Goethes und Schillers eine erste Höhe⸗—
erscheinung des neuen Zeitalters erreicht wird. Das, was diese
Zeit kennzeichnet, war eigentlich eine Art Notreife des Sturmes
und Dranges: gegenüber der auflösenden Wirkung der neuen
Slemente wurde nach einer raschen Entfaltung rettender Domi—
nanten der neuen Kultur sowohl auf dem Gebiete der Willens—
tätigkeit wie der Verstandeskultur wie endlich auch des Phantasie⸗
lebens gesucht: und sie fanden sich ein in der Philosophie Kants
wie in der klassischen Dichtung wie in der Musik eines Haydn
und Mozart und auch noch Beethovens: der Abschluß schon
des neuen Zeitalters in hohen Werten einer für den Sub⸗
jektivismus unvergänglichen Kultur schien gesichert.
Allein es war doch nur ein schnell herbeigeführtes Zusammen-
fassen, das bloß durch Heranziehung fremder Mächte zu raschester
Klärung der Elemente des Sturmes und Dranges erreicht
werden konnte: so stützte sich das Denken Kants noch auf den
Rationalismus, so wurde für den dichterischen Klassizismus
der Einfluß der Antike und zum Teil auch der älteren Zeit-—
alter der deutschen Dichtung von Bedeutung, und nur in der
Musik fand, trotz gelegentlichen Hineinragens fremder, nament⸗
lich romanischer Einflüsse, ein durch keinerlei Umbiegung um—⸗
gestalteter rein nationaler Entwicklungsgang seine Vollendung.
Immerhin war am Schlusse dieser Periode schon eine
völlig klare Vorstellung von dem Wesen der neuen, sub—
jektivistischen Persönlichkeit gewonnen. Sie ist es, die die
Ethik Kants belebt; aus ihrer Vorstellung erwächst eine neue
Erziehungslehre in der Pädagogik Pestalozzis und in der
praktischen Ästhetik Schillers; und von ihren Grundvesten her