Object : Sozialismus und Regierung

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sie  zum  Staatskirchentum  geworden;  denn  sie  fordert  Anerkennung
und  Unterstützung  vom  Staate  und  begründet  diesen  Anspruch  dadurch, ­
  daß  ihr  Gedeihen  zur  Erfüllung  der  Staatsaufgaben  beitrage.
Zweifellos  ist  der  Staat  verpflichtet  und  daran  interessiert,  dem
Einzelnen  die  Kultusfreiheit  zu  sichern  und  die  sittlichen  und  geistlichen ­
  Errungenschaften  hochzuhalten,  nur  liegt  es  in  der  Natur  des
moralischen  und  geistlichen  Lebens,  daß  der  Staat  ihm  durch  sein
aktives  Eingreifen  keine  neuen  Impulse  geben  kann.  Vielmehr  erfolgt ­
  die  entgegengesetzte  Wirkung:  das  Leben  stagniert,  und  es  ist
eine  bemerkenswerte  Erscheinung,  daß  sich  das  Wiedererwachen  dieser
Lebensenergien  jedesmal  durch  mehr  oder  weniger  prononzierte  Abweichungen ­
  von  den  Formeln  und  Gebräuchen  charakterisiert  hat  —
ich  erinnere  an  unsere  eigene  Hochkirchen-Bewegung  —,  auf  die  der
Staat,  der  Religionsbeschützer,  als  Merkmale  und  Zeichen  der  von
ihm  virtuell  anerkannten  Sache  hat  bestehen  müssen.  Die  geistliche
Freiheit  der  Kirche  ist  mit  dem  Staatspatronate  unvereinbar.  Religiöse ­
  Gemeinschaften,  wie  die  Hochkirche,  können  wohl  in  geistlichen
und  rituellen  Dingen  den  Ruf  nach  Freiheit  erheben,  ja  sie  mögen  ihre
Forderungen  selbst  eine  Zeitlang  mit  Erfolg  verfechten,  weil  der  Staatsschutz ­
  kaum  noch  mehr  als  eine  Formsache  ist  und  nur  fortdauert,
um  politischen  Parteigängern  der  jeweiligen  Parlamentsmehrheit  Kirchenämter ­
  1  zu  reservieren,  aber  solange  diese  Assoziationen  innerhalb
der  Staatskirche  bleiben,  können  sie  in  erwähnten  Angelegenheiten
offenbar  keine  Freiheit  beanspruchen.  Im  Mittelalter  war  die  Verbindung ­
  zwischen  der  Kirche  und  dem  Staate  eine  logische  Folge  der
damaligen  Denkart,  die  beide  Mächte  als  Offenbarungen  von  Gottes
Gegenwärtigkeit  auf  faßte  und  von  ihnen  die  Verehrung  des  göttlichen
Vertreters  erwartete.  Doch  über  die  Zeiten  konnte  dieser  Geist  nicht
triumphieren:  heute  ist  das  Bündnis  nur  noch  ein  Trümmerhaufen
von  Zeremonien  und  Formen,  die  verwelken  und  dahinsiechen,  nachdem ­
  des  Lebens  Glut  und  Wärme  längst  erloschen  ist.
In  manchen  Punkten  reicht  die  Bedeutung  dieser  Verknüpfung
allerdings  über  die  bloße  Form  hinaus  und  wirkt  direkt  schädigend.
Die  verhängnisvolle  Verquickung  der  Funktionen  der  Kirche  und  des
1  Die  staatliche  Anerkennung  der  Religion  in  Schottland  ist  noch  bedeutungsloser. ­
  Sie  besteht  aus  einem  Vertreter  des  Königs,  der  alljährlich  in  Holyrood
einen  Empfangstag  abhält,  wo  die  Prediger,  die  an  der  Generalversammlung
der  Staatskirche  teilnehmen,  zugegen  sind.
            
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