Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 199
Um diese Zeit aber hatte sich das Verhältnis zu Rußland
doch schon zu einem neuen Allianzvertrage, dem Bartensteiner
vom 26. April 1807, verdichtet. Und welch kühnes Zukunfts—
bild wagte dieser Vertrag zu entwerfen! Napoleon besiegt
und über den Rhein zurückgeworfen; Preußen wieder zu dem
Umfange des Jahres 1805 herangewachsen und über ihn
hinaus erweitert; das welfische Hannover vergrößert; Holland
unabhängig unter der alten oranischen Statthalterschaft, falls
das Haus Oranien nicht anders entschädigt werde; die Könige
von Sardinien und Neapel entschädigt; die Integrität der
Tuürkei erhalten; Osterreich wiederum im Besitze Tirols und
Italiens bis zur Minciolinie: Deutschland frei vom Rheinbunde,
in einer neuen „konstitutionellen Föderation“ mit guten stra—
tegischen Grenzen gegen Frankreich und in der innigen Freund—
schaft seiner beiden Großmächte geborgen: war das nicht wie
eine Fata Morgana des Jahres 18147
Aber die militärischen Erfolge, die geeignet gewesen wären,
sie zur Wirklichkeit werden zu lassen, blieben aus. Am
14. Juni 1807 siegte Napoleon bei Friedland völlig über die
Russen: der Zar, wieder einmal verzweifelt, ließ seinen
preußischen Bundesgenossen im Stich und wandte sich südlichen
und nördlichen Zielen, der Eroberung Finlands und der Be—
gründung des russischen Einflusses auf der Balkanhalbinsel zu:
dies alles unter der Einwirkung persönlicher Verführungskünste
Napoleons und unter persönlichen Demütigungen für Friedrich
Wilhelm III. und für die Königin Luise, von denen hier nicht
erzählt werden soll.
Der Phantasmagorie von Bartenstein aber trat die eherne
Wirklichkeit des Tilsiter Friedens, vom 7. und 9. Juli 1807,
gegenüber. Da versprach Napoleon, den Frieden zwischen
Rußland und der Türkei zu vermitteln, damit Rußland seine
Aktion gegen das legitimistische, der Kontinentalsperre feind⸗
liche Schweden zur Eroberung Finlands aufnehmen könne.
Und da versprach der Zar als Gegenleistung öffentlich, den
Frieden zwischen England und Frankreich zu vermitteln: im
geheimen aber, sich, wenn diese Vermittlung — wie natür—