Die Spätromantik.
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bürtigen Gewachsenseins, und in sehr besonderem Verstande
wurde das universale Wort Goethes verwirklicht:
Wer in die Zeiten schaut und strebt,
Nur der ist wert, zu sprechen und zu dichten.
Die Dichtung der Freiheitskriege als Ganzes hat sich frei—
lich nicht auf dieser Höhe gehalten. Kleist entwickelte allerdings
noch über Arndt hinaus in mancher Hinsicht Ureigenschaften
und trat damit, bei seiner besonderen Veranlagung, dem Im—
pressionismus der zweiten subjektivistischen Periode wundersam
nahe: aber Körner stand, wenn auch am wenigsten in seiner
Kriegspoesie, unter dem Einflusse Schillers, und Schenkendorf
verleugnete niemals den stark romantischen Einschlag, während
des jungen Rückert Geharnischte Sonette im ganzen mehr in
der Form als dem Inhalte nach die Zeitgenossenschaft mit Tieck
und den Schlegeln verraten.
Jedenfalls aber blieb auch noch nach den Freiheitskriegen
manches von dem besonderen, verhältnismäßig realen Ton der
Poesie der Notjahre erhalten; und es entwickelte sich daraus
eine politische Dichtung so allgemeinen Charakters, daß man sie
vielleicht am besten als Vaterlandspoesie schlechthin bezeichnen
kann. Und eines gar hohen Tones unterwindet sich anfangs
diese Poesie. Es ist, als diente ihr Arndts kräftig-stolze Apo—
strophe an das Vaterland als Leitspruch:
Es geh', durch Tugenden bewundert,
Geliebt durch Redlichkeit und Recht,
Stolz von Jahrhundert zu Jahrhundert,
An Kraft und Ehren ungeschwächt!
Allein bald mischen sich in die freudige Stimmung Töne des
Mißtrauens in die Freiheit einer künftigen Entwicklung, dann
der Sorge, der Resignation, des Unmuts. Da klingt es noch
mmer zuversichtlich, wenn Göttling im Jahre 1815 dichtet:
Werde stark, o Vaterland!
Eigner Satzung freies Band
Halte dich zusammen;
Daß, droht dir der Feinde Schwert,
Jeder, wie um eignen Herd,
Brenn' in Zornesflammen!