Die Spätromantik.
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befriedigenden Mystik. Da war denn der Gedanke an die
nächsten Pflichten, an die nationalen Aufgaben, da war die
Stärkung der Willenskraft überhaupt das Nächste, dessen man
bedurfte; und eben die Vaterlandsdichtung reichte am frühesten
den stählenden Trank. Aber leise drangen seine Wirkungen,
drang überhaupt eine zwar noch nicht realistische, aber immerhin
doch schon gegenständlichere Betrachtung von Gott und Welt
ein, und die alte Romantik wurde gleichsam für Feierstunden
aufgespart:
Gönnt mir's, daß in linden Träumen
Sehnsucht meinen Busen schwellt,
Wenn nur in des Wachens Räumen
Kraft und Mut die Zügel hält.
(F. de la Motte Fouqué.)
Es sind die Gefühle, unter denen die frühromantische
Lyrik leise abgeblüht ist:
Lieder nicht — nur leife Klänge
Aus dem Reich der Phantasie.
Daß ein fühlend Herz sie sänge.
(Dilia Helena.)
Und so lassen sich späterhin wohl noch gelegentliche Er—
innerungen an die alte Weise vernehmen; aber sie sind so—
zusagen persönlicher Natur; sie gehören vereinzelten Dichtern
besonderer Art an, unter denen vielleicht Hoffmann am meisten
hervorragt und sicherlich am meisten fesselt. Aber freilich ver⸗
schlingt sich bei ihm die alte Romantik eben in seinen besten
Gedichten schon mit starken Vorahnungen jenes zukünftigen
Impressionismus, der die zweite Veriode des Subjektivismus
charakterisieren sollte:
Ein Flüstern, Rauschen, Klingen
Geht durch den Frühlingshain.
Fängt wie mit Liebeschlingen
Geist. Sinn und Leben ein.
Säng' ich es nach, was leise
Solch stilles Leben spricht,
So schien aus meiner Weise
Das ew'ge Liebeslicht.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.