Fortschritte des politischen Denkens. 471
noch länger neben dem eigentlichen staatspolitischen Denken breit
und üppig eine politisch- und sozial-ästhetische Opposition auf—
schießen konnte, die im Jungen Deutschland der dreißiger Jahre
heinahe geradezu die literarische Bewegung überhaupt in sich auf⸗
nahm und neben den politischen bald auch die sozialen und, mit
Rücksicht auf den christlichen Konservatismus in Klerikalismus und
Orthodoxie, auch die religiös-kirchlichen Fragen mit zunehmendem
Freimut, ja schließlich mit höhnender Übertreibung behandelte.
Die Wurzeln dieser Bewegung, deren Ausbreitung um
die Mitte der dreißiger Jahre weit über die Wirksamkeit der
mehr politisch-kontemplativen Literatur hinwegging, sind nicht
so sehr in dieser als vielmehr in dem lange vorbereiteten
Boden allgemeinster liberaler Anschauungen zu suchen; sie um—
fassen daher auch von Anbeginn schon weit mehr als nur
Politik.
Die Frühromantik hat einmal definiert!: „Liberal ist, wer
hon allen Seiten und nach allen Richtungen wie von selbst
frei ist und in seiner ganzen Menschheit wirkt, wer alles, was
handelt ist und wird, nach dem Maß seiner Kraft heilig hält
und an allem Leben Anteil nimmt, ohne sich durch beschränkte
Ansichten zum Haß oder zur Geringschätzung desselben ver—
führen zu lassen.“ Man sieht leicht, daß in diesem Sinne
auch die Frühromantik, insofern sie erst die Keime des späteren
Konservatismus entwickelte, liberal war: wie denn beide Rich—
rungen, die liberale und die konservative, aus einer grund⸗
sätzlich niemals geleugneten Anerkennung des Subjektivismus
hervorgegangen sind. Indes auch noch in den Zeiten des be⸗
ginnenden Realismus bestand eine so weite Bedeutung des
Wortes „liberal“, wenn sie auch offenbar nicht mehr völlig
anerkannt wurde. Noch im Jahre 1834 konnte Wienbarg im
Vorwort der „Asthetischen Feldzüge“ schreiben: „Mit dem
Schilde der Liberalität ausgerüstet sind jetzt die meisten Schrift⸗
steller, die für das alte Deutschland (im Gegensatze zum „jungen?“)
chreiben, sei es für das adlige oder für das gelehrte oder für
Athenaeum J, 2, S. 148.