Fortschritte des politischen Denkens. 473
Dabei war aber diese Opposition keineswegs schon durch
den nationalen Gedanken geleitet. Wie die ausgehende Ro—
mantik trotz aller Liebe zum Volkstümlichen, so war auch sie
vielmehr kosmopolitisch orientiert und verstärkte diese Stellung im
Vergleich zu Romantik und Konservatismus sogar vielleicht noch
durch eine entschiedener betonte nationale Indifferenz. Wie sie
denn vornehmlich auch aus der Bewunderung des französischen
Geistes- und Staatslebens Kraft schöpfte.
So erklärt es sich auch, daß diese Opposition anfangs
vornehmlich von halb internationalen, jüdischen Elementen, die
zudem zugleich als unkirchlich erschienen, literarisch getragen
werden konnte. Dies um so mehr, als die Anwendung literari⸗
scher Formen auf politische Inhalte, sozusagen die Profanierung
der schönen Literatur und Wissenschaften für ihnen fremde
Zwecke, dem Volldeutschen zunächst nicht eben leicht einging;
die Not der Freiheitskriege mochte sie entschuldigt haben; jetzt
erschien sie mit Rücksicht auf die reiche und reine Ausgestaltung
in einer weiter zurückliegenden literarischen Vergangenheit
wiederum verpönt.
Der erste in diesen Zusammenhang gehörende Schriftsteller
war der bald seines Dienstes entsetzte Frankfurter Polizei—
aktuar Ludwig Börne (1786—18837): ein kritisch und ruhig
denkender Mann von demokratischer Gesinnung und guten
literarischen Manieren; zunächst in der „Wage“, einer „Zeit⸗
schrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst“ (1818 bis
1821), dann in den „Zeitschwingen“ versuchte er an der
Zentralstätte des Deutschen Bundes selbst, unter den Fenstern
des Bundestagspalais in der Eschenheimer Gasse, das Publikum
für liberale Ideen zu gewinnen. Sein größerer Nachfolger
war dann Heinrich Heine. Heine hat zwar vor 1830 wenig
unmittelbar Oppositionelles geschrieben, bewegte sich vielmehr
in den Formen und zum Teil in der Gefühlsart der Ro—
mantik!. Allein schon seine packende, witzige Art wurde als
gegen das Bestehende gerichtet empfunden, wie denn, ein Zeichen
des steigenden Intellektualismus, den Jungdeutschen der Witz
1 S. oben S. 188 ff.