72 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
das philiströse alte Deutschland.“ In diesem weiten Sinne
nun, der im Grunde nur Kampf gegen Vorurteile und Ein—
treten für Freiheit, Billigkeit und Recht bedeutete, sind Männer
wie Schiller und Goethe in gleicher Weise liberal gewesen.
Allein daneben stellte sich doch, vornehmlich und steigend
nach 1815, ein Sinn des Wortes ein, in welchem es Opposition
gegen die bestehenden Gewalten quand méême und damit ver—
gebliche Opposition und zunehmendes Phrasentum ausdrückte.
Und nun konnte der Dichter, der seinen Götz von Berlichingen
mit dem Rufe „Es lebe die Freiheit!“ hatte sterben lassen, den
Satz prägen: „Eine Idee darf nicht liberal sein: kräftig sei
sie, tüchtig, in sich selbst abgeschlossen, damit sie den göttlichen
Auftrag, produktiv zu sein, erfülle“ — und auf die liberalen
Schriftsteller das Wort Mazarins anwenden „Laßt sie singen,
wenn sie nur zahlen!“
In der Tat erstarb der feste Ton des primitiven Libera—
lismus der Zeit der Freiheitskriege nach 1815 bald in der
Wohlredenheit glatter älterer Optimisten und dem sprachlichen
Sturm und Drang begeisterten Studententums; denn so sehr man
gegen das Bestehende eiferte, so wenig wußte man das Zu—
künftige zu beschreiben: und war damit im Grunde nicht eben
weiter als um 1799, für welches Jahr ein Pamphlet die Lage
mit dem kurzen Frage- und Antwortspiel umschrieben hatte:
„So wollen wir wohl eine Veränderung?“ — „Nein, wir wissen
selbst nicht, was wir wollen.“ Nur das eine stand jetzt fest, daß
die liberale Strömung antiromantisch war oder wurde, daß sie
den kommenden Realismus vorwegnahm: daß sie nicht in Ge—
dankenräumen, sondern auf dieser Erde im Sinne einer edlen,
menschlichen Freiheit heimisch zu werden suchte. Und da diesem
Bestreben Staat und Kirche in gleicher Weise und innig ver—
bunden entgegenzutreten schienen — denn noch hatte sich die
Liquidation mittelalterlicher Lebensformen mit keiner Silbe
der Trennung von Staat und Kirche zugewandt —, so erschien es
weiterhin als selbstverständlich, daß die namentlich im Beginne der
zwanziger Jahre stark um sich greifende Strömung gegen patri—
archalische Regierung und Kirchenglauben zugleich zu Felde zog.