Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

74 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
vor allem als Merkmal eines hochstehenden Volkes gegolten 
hat. Und sicherlich hat der frische, bisweilen patzige, freilich 
auch nicht selten geschraubte Ton der Dichtung wie der Prosa 
Heines ebenso unmittelbar das, was man in den zwanziger 
Jahren Opposition nannte, hervorgerufen, wie die Opposition 
auch noch der dreißiger Jahre vielfach bestimmt. 
Zum vollen Ausdrucke aber gelangte die allgemeine 
Strömung des Liberalismus doch erst nach der Julirevolution, 
zu einer Zeit, da Börne und Heine schon nach Paris ge— 
gangen waren. Und ihre Hauptvertreter wurden die Dichter 
des nun emporblühenden „Jungen Deutschlands“, fast durchweg 
Kinder des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts: Kühne, 
Laube, Gutzkow, Mundt, Menzel, Wienbarg. 
Was sie vor allem auszeichnete, war der Entschluß, nun 
die neue Dichtung wirklich unmittelbar in den Dienst des po 
litisch-liberalen und antikirchlichen Gedankens zu stellen. Ein 
merkwürdiges Übergangsstadium von enthusiastischer zu ra— 
tionaler Seelenhaltung, der zudem denen, die sich auf diese 
Brücke stellten, voll bewußt war. „Goethe war ein schöner 
Statthalter Gottes auf Erden,“ schrieb Mundt 1834 in 
seinen „Modernen Lebenswirren“, „aber das Papsttum in der 
Literatur ist vorbei. Der heutigen Schriftstellergeneration muß 
es das höchste Ziel sein, Pfeile des Geistes in die Zeit hinaus 
zu schicken, um das Volk der Deutschen aufzuregen und auf— 
zuschütteln.“ Als wichtigste Form aber für diese neue literarische 
Tätigkeit erschien den Dichtern des Jungen Deutschlands die 
Erzählung, wie sie sich gern ausdrückten, die „Novelle“, womit 
zugleich aͤuch der Roman gemeint war. In den zwanziger 
Jahren hatte sich das allgemeine Interesse am Aktuellen in 
Deutschland der Hauptsache nach im Theater erschöpft. Die Folge 
war zunächst eine starke Verehrung Schillers, namentlich aber 
ein Kult des greisen Goethe gewesen, gegen den Börne und 
Menzel vergebens in die Waffen riefen. Daneben hatten frei⸗— 
lich Leute wie Raupach und Kotzebue noch mehr zum Ge— 
schmacke des Publikums gesprochen. Konnte nun aber das 
Drama mit der in ihm notwendigen Stilisierung oder wenigstens
	        
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