Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
vornweg Delacroix, gezeigt hatten, was die Farbe bei virtuoser 
Behandlung vermöge. Der erste große Meister dieser Historien— 
malerei war Delaroche. Von dieser Malerei waren denn auch 
die Vlamen, wie von jeder großen Bewegung der französischen 
Kultur des 19. Jahrhunderts, stark beeinflußt worden. Aber 
sie hatten ihr anch, wie ebenfalls jedem anderen französischen 
Kultureinfluß des Jahrhunderts, ihr starkes germanisches Naturell 
entgegengestellt und sich dabei in diesem Falle auf Rubens ge⸗ 
stütgt. So kam es während der dreißiger Jahre in Belgien 
zu der Historienmalerei der Wappers, de Keyzer, Slingeneyer, 
Gallait, Bièfve, die im wesentlichen die volle Entwicklungshöhe 
der Kunst des 17. Jahrhunderts wiederaufleben ließ, so wie 
etwa Rubens auf ihr gestanden hatte. 
And diese Kunst wurde nun in Deutschland seit 1842 durch 
einige Bilder Gallaits und de Biöfves bekannt und wirkte — um 
einer herkömmlichen Redensart einmal zu vollem Recht zu ver⸗ 
helfen — wirklich wie eine Offenbarung. Was sich in dem deutschen 
Wiederholungskurs leise als eine künftige Möglichkeit angedeutet 
hatte, ein Kolorismus im Sinne des großen vlamischen Meisters 
italienischer Farbung: hier schien es vollendet. Was Wunder, 
daß jetzt deutsche Schüler zahlreich in den Werkstätten Brüssels 
und Antwerpens auftauchten? Und von den Vlamen drangen sie 
zu den Franzosen vor, unter denen namentlich Couture ein be⸗ 
liebter Lehrer der Deutschen ward, und zu den vlamischen 
Einwirkungen fügten sie — in gewissem Sinne wieder ein 
Schritt vorwärts zum farbigen Licht — Einflüsse der Vene— 
tianer. Aus diesen Zusammenhängen ging die große deutsche 
Historienmalerei der fünfziger Jahre hervor, deren bezeichnendster 
Meister Piloty gewesen ist; mit seinem „Seni vor Wallenstein“ 
(1855) begannen ihre glänzendsten Zeiten. Und die Technik 
dieses malerischen Historismus wurde von Knaus, Vautier, 
Defregger auf die Sittenmalerei übertragen, von den Achen⸗ 
hachs mit einer etwas älteren Malweise verschmolzen, von Len— 
bach unter emsigem Studium der verschiedensten alten Meister 
dem Bildnis zugeführt, von Makart endlich in gewaltigen deko— 
rativen Bildern zu ihren vollsten koloristischen Reizen entwickelt.
	        
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