Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Otto Ludwig (1813-685). Ludwig ist mit einem noch stärkeren 
Wirklichkeitssinn ausgestattet als Hebbel; seine Erzählung 
Heiterethei“ setzt die Dorfgeschichte in einer Weise fort, daß trotz 
aller Applikationsstickerei von Humor und Laune und tausend 
persönlichen Motiven, trotz eines gewissen Arabeskentums nach 
der Art von Jean Paul doch ein Bild des thüringischen 
Bauernlebens von bis dahin unerhörter Treue entsteht. Und 
wie gewaltig gar sind einzelne Teile der Erzählung „Zwischen 
Himmel und Erde“ in ihrer absoluten Gegenständlichkeit, in dem 
vollen Impressionismus der Naturschilderung, in der feinen, 
wenn auch noch nicht neurologischen Zergliederung des inneren 
Wesens der Gestalten! Aber Ludwig hat diese Erzählungen 
später beinah verworfen, wie er noch mehr den „Erbförster“ 
(1853) und frühere Versuche verwandter Dramen verworfen 
—DD 
summe psychologischer Reflexe hin durch ein ganzes Drama, 
hinweg mit der Betonung des Sozialpsychischen in den Ge— 
stalten, hinweg mit den Ahnungen einer tieferen Stufe der 
Sensation: veredelt muß das Drama werden nach der Schick⸗ 
salsidee und dem noch halb erzählenden dramaturgischen Kanon 
Shakespeares! Der Dichter ist die besten Jahre seiner zeugenden 
Kraft diesem Irrlicht nachgezogen und in dem Sumpfe zahl—⸗ 
reicher, auf die Praxis unanwendbarer theoretischer Betrachtungen 
erstickt, in den es führte. Da ist endlich Anzengruber (1839 
bis 1889) — ein Naturdichter, wenn das Wort erlaubt ist, 
fast wie Bitzius, und doch als ehemaliger Schauspieler auf der 
Bühne zu Haus wie in der Heimat. Aber sein Talent blieb 
begrenzt; er gelangte nicht weiter als dazu, den ganzen 
Realismus der Dorfgeschichte in das Bauerndrama zu über— 
tragen: und auch dies nur im Rahmien der starken und alten 
Entwicklung des Wiener Volksstücks. So entstand etwas in 
sich Vollendetes, sieht man von den Stücken und Scenen ab, 
die sich mit dem dritten Stande beschäftigen: aber eben etwas 
Vollendetes als der Abschluß einer reichen Entwicklung, eine 
Gipfelkunst, an der Raimund seine Freude gehabt haben würde, — 
eine Kunst nur mit andeutenden Votenzen der Zukunft.
	        
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