Dichtung.
239
Hebbel, Ludwig, Anzengruber, drei stärkste Träger und
Ahner des Kommenden, sind vornehmlich Dramatiker gewesen.
Sollte es nicht besonders schwer gewesen sein, den Impressio—
nismus gerade im Drama zu entwickeln? Im Drama, das
neben dem Empfängnis der Gestalten mit aus der regelnden
Obereinwirkung einer Schicksalsidee entsteht — und das heißt
einer Weltanschauung, deren wesentlichste Zeitmomente noch
heute erst zum Teil der impressionistischen Kultur angehören,
in den fünfziger Jahren aber deren noch ungeborenem Wesen
noch so fern standen, daß ihr fehlender Miteinfluß in der
Entstehung des Dramas allein schon dessen Übergang zum
vollen Impressionismus verhindern konnte? Auch in Frankreich
haben zu den Zeiten des Impressionismus noch Dumas kils
und Augier geblüht und vegetiert wenigstens noch heute Sardou —
alles Söhne eines früheren, bloß realistischen Lebens der
Dichtung. Und bei uns beginnt die litterarische Revolution
mit den achtziger Jahren, steht die physiologisch⸗impressionistische
Lyrik mit etwa 1884, die Kunsterzählung wenig später auf
ihrer Höhe, — das erste ganz impresfionistische Drama dagegen
ift erst Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ von 1889, und die
öffentliche Bühne ist dem deutschen Impressionismus erst in den
neunziger Jahren entscheidend gewonnen worden. Nein, manche
große Dramatiker der fünfziger bis siebziger Jahre haben dem
Impressionismus ihrer Beanlagung nach wohl nahe gestanden,
aber begründet und eröffnet haben sie ihn nicht.
Im ganzen aber war das Drama dieser Zeiten erst recht
anders geartet. Niemand wird den Gebrüdern Hart im wesent⸗
lichen widersprechen können, wenn sie von dem Zustand vor
1882 meinten: man halte die Zeit der Tragödie und des
höheren Dramas für auf immer geschwunden; nur dem Kon—
versationsstück, dem Lustspiel, dem Schwank und der Posse
gebe man noch eine Zukunft. Das Interesse für ernstere Kunst
sei beim Publikum verloren, bei den Dichtern setze man voraus,
daß sie weder die Technik des Aufbaues und der Komposition
verstünden noch spannen oder interessieren könnten; einzig von
der Nachahmung der Franzosen erwarte man Heil. In der