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Dichtung.
kommt: und die Skizze wird damit formell fast zur alleinigen
Komponente des Romans, ist gleichsam seine Zelle.
Gilt nun das Gleiche von der Novelle? Gewiß, auch sie
setzt sich aus Skizzen zusammen, nur daß die Skizzen — und,
wenn sie vorkommen sollten, die Reflexionen — nicht so locker
aneinander gereiht werden wie im Romane. Vielmehr erlaubt
hier die Kürze einer Erzählung, die nicht eine ganze Zeit
schildern, sondern nur irgend eine Ereignisgruppe, welche ein
spannender Inhalt verbindet, darstellen will, eine gekürzte und
geschürzte, gleichsam dramatisierte Behandlung der Skizze und
damit deren Stilisierung. Und diese Umbildung der Skizze ist
nicht bloß gestattet, sie wird bei entschiedener Anwendung der
Kunstprinzipien der Novelle sogar gefordert.
Konnte darnach eine Zeit des Naturalismus der Novellen⸗
form günstig sein? Niemals, denn sie wünschte ja überall
eben jene naturalistische Behandlung der Skizze, welche die
Nopelle nicht zuläßt.
So blieb denn für die Kunsterzählung, soweit sie nicht
den Inhalt einer Zeit im großen ergreifen und grundsätzlich
erschöpfen wollte, nur die einfache Geschichte übrig, oder wie
man es vom Standpunkte der Novellisten der fünfziger bis
siebziger Jahre ausdrücken konnte: die Modernen schrieben nur
noch „novellistisch angehauchte Skizzen“; die eigentliche Gabe
des künstlerischen Gestaltens in der Komposition trat viel
schwächer zu Tage als die Fabulierungskunst. Im übrigen
verblieb es natürlich nicht bloß bei den reinen Kunstformen
des großen Romans und der kurzen Geschichte; vielmehr be—
standen schon von früher her und bildeten sich von neuem noch
manche Zwischenformen. Gemeinsam aber war ihnen allen die
mehr oder minder formlose Zusammenstellung aus der Skizze.
Aber die Skizze selbst: ist sie in der neuen Zeit die alte
geblieben? Keineswegs. Gerade in ihrem Wesen traten zu—
nächst starke Veränderungen ein, — und durch diese hindurch
wurden dann auch Wandlungen der aus ihr zusammengesetzten
Kunstformen veranlaßt — abgesehen von den Änderungen,