Weltanschauung.
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Ideals des „Renaissancemenschen“ zu Felde; Spielhagen wandte
sich 1897 im „Faustulus“ gegen die Umwertung der Werte.
Und auch Proteste von Jüngeren fehlten und fehlen nicht.
Im ganzen aber traten die Schriften Nietzsches zunächst
dennoch einen Siegeszug an fast ohnegleichen. Der aphoristische
Charakter ihrer Gedanken schuf ihnen auch da, ja da vor allem
Einlaß, wo man das System ablehnte und sich bloß dem all⸗
gemeinen, die Befreiung der Persönlichkeit betonenden Zuge
des neuen Denkens hingab. Ihre Sprache gewann auch die
Unmündigen im Geiste, wie sie auf den Stil selbst von Gegnern
revolutionierend gewirkt hat. Eine große Anzahl von er—
klärenden und widerlegenden Schriften erschien und erscheint
noch heute; und noch ist das Ende der allgemeinen Einwirkung
nicht völlig abzusehen.
Sind es aber nur die fascinierenden Einflüsse der Schriften
selbst und der hinter ihnen webenden, lebenden Persönlichkeit
Nietzsches, die dies Wunder wirken? Mit nichten! Der Wieder—
geburtsgedanke ist inzwischen unter gewissen Verflachungen all—
gemein geworden, und sichtbarlich wandelt die Nation die Bahn
von dem Versuche der Lösung ethischer Probleme hinein ins
Gebiet des Religiösen.
Eine breitere Grundlage erhielt der Gedanke ethischer
Wiedergeburt oder wenigstens notwendigen sittlichen Fortschritts
zuerst wohl durch eine natürliche Reaktion gegen den teilweis
recht platten, vielfach an den Rationalismus des 18. Jahr—
hunderts erinnernden Aufklärungsgeist der fünfziger bis siebziger
Jahre. Man begann gegenüber einer rein mechanischen Lebens—
und Weltanschauung wenigstens Langeweile, gelegentlich auch
schon Ekel zu empfinden. Und selbst Angehörige dieser An—
schauung, die tiefer fühlten, erhoben die sehnsuchtsvolle Frage
wenn nicht gar Forderung des Plus ultra.
Zertrümmert scheint, zermalmt zu losem Staube
Des Menschenglückes Grundbaufels, der Glaube.
Der scharfe Blick der Forschung der Natur
Bekennt sich blind für eine Gottesspur.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband.
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