494 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik.
stunde schlug, öffneten sich die Schlagbäume, und unter lautem Jubel eilten die
Wagenzüge über die Grenze, die sie fortan mit voller Freiheit überschreiten konnten.
Alle waren von dem Gefühle durchdrungen, daß Großes errungen fei."
Alle Staaten hatten hier in wahrhaft liberaler und uneigennütziger Weise zu
sammengewirkt. Hatten Bayern und Württemberg die schwierige, in der Geschichte
noch nie dagewesene Aufgabe, e i n Handelsgebiet für zwei selbständige Staaten her
zustellen, zuerst im kleinen gelöst; hatte Baden, sei es nun mit oder ohne Willen,
dadurch, daß es einen größeren süddeutschen Zollverein, der eine Verbindung mit
Preußen sehr erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht hätte, verhinderte, Gutes ge
wirkt; hatten die beiden Hessen durch ihren Anschluß an Preußen die Brücke zwischen
Norden und Süden geschlagen, so hatte Preußen das nicht zu unterschätzende Ver
dienst, daß es eine möglichst vollständige und rasche Erreichung des großen Zieles
sicherte, indem es sein bereits bewährtes Zollgebiet als Muster bot, indem es den
übrigen Staaten Zugeständnisse machte, indem es namentlich die volle Rechtsgleich
heit aller unmittelbaren, an politischer wie wirtschaftlicher Bedeutung doch so sehr
verschiedenen Glieder des Zollvereins bereitwillig anerkannte und selbst finanzielle
Opfer brachte.
Ich habe absichtlich etwas länger bei diesem folgenschweren Augenblick der
deutschen Geschichte verweilt, weil eben nicht oft genug wiederholt werden kann, welch
großartige deutsch-patriotische Tat das Jahr 1834 bezeichnet, eine Tat, welche wohl
mit jener des Jahres 1870—1871 zu vergleichen ist, ja ohne welche wahrscheinlich
diese zweite nicht möglich geworden wäre.
Es war mit der Gründung des Deutschen Zollvereins ein Zustand für das
deutsche Handels- und Verkehrsleben erworben, der ein seit Jahrhunderten gefühltes
Bedürfnis befriedigte, alte, vor kurzem noch viel belächelte Ideen und Pläne ver
wirklichte; es wurde ein Nationalbedürfnis gestillt, das deutsche National
bewußtsein ins Leben gerufen, eine nationale Wirtschaftspolitik
ermöglicht.
3. Die politischen Wirkungen des Zollvereins.
Von Heinrich v. Treitschke.
v. Treitschke, Die Anfänge des Deutschen Zollvereins. In: Preußische Jahrbücher.
Herausgegeben von v. Treitschke und Wehrenpfennig. 30. Bd. Berlin, Georg Reimer, 1872.
S. 693—697.
Die politischen Wirkungen des Zollvereins find, dank der unvergleichlichen
Schwerfälligkeit des deutschen Staatslebens, nicht so rasch und nicht so unmittelbar
eingetreten, als manche kühne Köpfe meinten. Schon ums Jahr 1830 hoffte Hanse
mann, ein Parlament des Zollvereins und daraus vielleicht einen Deutschen Reichstag
erstehen zu sehen, und wie viele andere wohlmeinende Patrioten haben nicht ähnliche
Erwartungen an den Deutschen „Zollstaat" geknüpft! Wir wissen heute, daß solche
Träume sich nicht erfüllten. Der Handelsbund war kein Staat, bot keinen Ersatz für
die mangelnde politische Einheit, er konnte noch durch Jahrzehnte fortdauern, ohne
die Lüge der Bundesverfassung zu zerstören. Als Minister du Thil im Jahre 1827
seinem Grohherzoge den Rat gab, jenen entscheidenden Schritt in Berlin zu wagen,
da hat er — so erzählt mir ein hessischer Staatsmann, der das Aktenstück kennt, — in
ausführlicher Denkschrift offen ausgesprochen: „Wir dürfen uns nicht darüber täuschen;
indem wir den Handelsbund schließen, verzichten wir auf die Selbständigkeit unserer
auswärtigen Politik; bricht ein Krieg aus zwischen Österreich und Preußen, so ist