Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die Rassen; die Vererbung und Variabilität. 141 
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bererben. Jeder Arzt, jeder Reisende, jeder Menschenkenner bestätigt es, daß die Körper⸗ 
und Schädelbildung, die Hautfarbe und Haarart, die Sinnesorgane, die Instinkte, die 
Gesten, die Gefühle und Charaktereigenschaften, sowie viele geistige ZüUge und Begabungen 
sich im ganzen vererben. Die primitivsten Völker gehen davon aus wie alle Gesellschafts⸗ 
einrichtung seit Jahrtausenden. Die Römer sagten: Fortes creantur fortibus et bonis. 
So unzweifelhast nun aber die Thatsache der Vererbung gleicher Eigenschaften 
im ganzen ist, im einzelnen kommen die verschiedensten Modifikationen vor, und stellen 
sich Zweisel darüber ein, wie weit das Princip der Vererbung reiche. Vater und Mutter 
sind selbst, auch wenn fie demselben Kreise oder Geschlechte, demselben Volke angehören, 
verschieden; das eine Kind gleicht dem Vater, das zweite der Mutter, das dritte irgend 
einem Vorfahren, und ganz gleichen die Kinder nie den Eltern. Wir wissen, daß wie 
der Typus der Haustiere, so auch der Habitus bestimmter Völker sich geändert hat; 
schon die Differenzierung der Völker aus den Rassen zeigt dies. Weder die Völker noch 
die Rassen sind ganz koönstant; wir halten ja auch die Pflanzen- und Tierarten heute 
nach den Forschungen Darwins, Wallaces und anderer nicht mehr für ganz konstant. 
Wit müssen also annehmen, daß eine Reihe von Umständen in den folgenden Gene— 
rationen kleine Abweichungen des im ganzen feststehenden Typus erzeugen: das Princip 
der Variabilität begrenzt das der Vererbung. Wenn die Vererbung immer 
gleiche Wesen schaffen würde, so wäre die Entwickelung des heutigen Menschen aus 
keinen rohen Ahnen nicht denkbar. Würden die Variationen im Laufe der Entwickelung 
sich nicht vererben, so wäre es nicht möglich, daß wir neben lange stillstehenden auf⸗— 
steigende und sinkende Rassen und Völker hätten. 
Die Vorausfetzung der Vererbung körperlicher Eigenschaften ist klar, sie liegt im 
Wesen des physiologischen Abstammungsprozesses; aber daß auch Instinkte, Gefühle, 
Charaktereigenschaften, Neigungen, Dispositionen, geistige Eigenschaften sich vererben, 
leugnet heute kein Naturforscher; die Voraussetzung hiefür ist, daß diese Eigenschaften 
irgendwie im Gehirn und Rervensystem einen physiologischen Ausdruck gefunden haben 
und so auf die Nachkommen übergehen. Je komplizierter die höheren menschlichen 
Eigenschaften sind, desto mehr scheinen sie allerdings körperlich und geistig individuell 
und nicht vererbbar zu sein. Die Grenze zwischen dem Vererblichen und Nichtvererb— 
lichen steht heute noch keineswegs fest. Aber auch die gegen das Princip der Vererb⸗ 
lichkeit am meisten sich kritisch verhaltenden Forscher geben doch zu, daß den heutigen 
ulturvolkern eine ererbte Geistes- und Gefühlsgeschichte von Jahrtausenden aufs Gesicht 
geschrieben sei. Spencer führt die sogenannten angeborenen Denksormen auf erblich 
Jewordene Erfahrungen zurück, die im Gehirn ungezählter Generationen erblich fixiert 
eien. Darwin sagt: „Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die tugendhaften Neigungen 
nach langer Übung vererbt werden.“ Man hat gemeint, die Erblichkeit sei für die Art 
etwas Aualoges wie das Gedächtnis für die Individuen: ein großes Anhäufungs-, 
Sammel⸗, Kondensierungsinstrument. 
Die Voraussetzung der Variation liegt in dem einfachen Umstand, daß zwar die 
Rasseneigenschaften der beiden Eltern nebst denen ihrer Voreltern die ausschlaggebenden 
Hauptursachen für die Art ihrer Nachkommen sind, daß aber daneben Gesundheit, Alter, 
Ernährung, zufällige Lebensverhältnisse der Eltern, das Überwiegen des Einflusses von 
Bater oder Mutter, in weiterer Linie alle Bedingungen, welche auf die Eltern, und das 
dind vor, während und nach Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt wirken, wie 
dlima, Lebensweise, Ernährung, Beruf, Staats- und Gesellschaftsverfassung, Wohn- und 
Gesundheitsverhältnisse, leichte und schwere Exristenz, Kampf ums Dasein, Jugend— 
behandlung und Erziehung, — daß alle diese Umstände als modifizierende Nebenursachen 
auf jedes einzelne Individuum wirken. So stellt jeder Mensch im Augenblicke seiner 
Gebuͤrt eine eigenartige Modisikation seiner Vorfahren dar und wird nun selbst durch 
Amgebung, Erziehung und Schicksal nach dieser oder jener Seite hin weiter umgebildet. 
Wil kommen gleich auf den Streit, inwieweit diese sogenannten erworbenen Eigenschaften 
vererblich seien. Jedenfalls ist klar, daß durch den Einfluß aller dieser Nebenursachen 
der mitttere Rafsen- oder Volkstypus, der in jedem Menschen vorhanden ist, eine kleine
	        
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