Die wirtschaftliche Rolle des Wassers. Die Pflanzenwelt. 135
die anderen überholen und beherrschen müssen, wie die AUberlegenheit der begünstigten
Orte und Menschen diesen wirtschaftliche Vorteile verschaffe, die nicht bloß zu ihrer
eigenen besseren Versorgung, sondern wesentlich auch dazu führen, daß sie ihre seltenen
Guͤter und Vorteile den an ungünstigeren Orten sitzenden vorenthalten oder zu über—
großem Gewinn und Herrschaft uͤber sie ausnützen können.
56. Die Pflanzen- und Tierwelt in ihrer Verteilung. Bis auf
zinen gewissen Grad, aber doch viel schwächer, tritt uns ein solcher Eindruck entgegen,
wenn wir die Pflanzen- und Tierwelt betrachten, weil ihre Verteilung eine im ganzen
gleichmäßigere ist. Die Flora und Fauna ist weniger ein Resultat örtlicher Boden—
derschiedenheiten als ein Ergebnis der großen klimalischen und Erhebungsverhältnisse
der Kontinente und Länder.
Die allgemeine volkswirtschaftliche Bedeutung der Pflanzen- und Tierwelt ist
selbstverständlich eine außerordentlich große. Die menschliche Ernährung, Bekleidung
und Erwärmung hängt von ihnen ab; der größere Teil aller wirtschaftlichen Thätigkeit
ist der Bemeisterung der Tier- und Pflanzenwelt, der Unterordnung derselben unter die
menschlichen Zwecke gewidmet. Die Menschen hängen von der Art und Zahl der vor—
kommenden Pflanzen und Tiere überall ab. Durch das dem Menschen verwandte orga—
nische Pflanzenleben ist er mit der Erde verbunden, ist sein Leben erleichtert und allein
moöͤglich. Die Pflanzenvegetation führt die ganze Erdoberfläche gleichsam in seinen
Dienst. Der Reichtum der Länder an Pflanzen und Tieren ist ein erhebliches Stück des
natürlichen Wohlstandes der Gesellschaften.
Wir koönnen hier auf die historische Entstehung der Pflanzen- und Tierarten, ihre
ursprüngliche und spätere Verbreitung im Zusammenhange mit der geologischen Ent—
videlung der Erde, der Veränderung der Klimate und Kontinente nicht eingehen.
Wir stellen nur fest, daß die heutige Verbreitung der Pflanzen und Tiere eine ganz
andere ist als früher. In Mitteleuropa könnte mit der ursprünglichen Ausstattung nur
ein sehr kleiner Teil der heutigen Bevölkerung leben. Die heutige Verteilung der
Pflanzen und Tiere ist ein Ergebnis der Geschichte. „Die Natur,“ sagt Hehn, „gab
Polhöhe, Formation des Bodens, geographische Lage, das übrige ist ein Werk der
bauenden, säenden, einführenden, ausrottenden, ordnenden, veredelnden Kultur.“ Ja,
die Hauskiere und die Kulturpflanzen selbst sind uns eben deshalb so unendlich nützlich,
weil sie unter der Hand des Menschen etwas wesentlich anderes wurden, als sie im
wilden Zustande waren. Aber deswegen bleiben große Epochen der wirtschaftlichen
Entwickelung und bis auf einen gewissen Grad auch die Gegenwart doch in Zusammen—
hang mit der ältesten uns bekannten Ausstattung; und alle frühere wie die gegen—
värtige Flora und Faung sind durch Klima und Boden in feste Grenzen gewiesen.
Innerhalb dieser Grenzen liegen die verschiedenen Arten der Ernährungsmöglichteit, der
Lebensweise, der Wirtschaftsführung, wie sie durch die bestimmten Tier- und Pflanzen—
arten gegeben sind. Nur einige Beispiele.
Die Wirtschaft der heutigen Polarmenschen hängt zum Teil von der Milch, dem
Fleisch, den Häuten, den Geweihen und Knochen des Renntiers, in weiterer Linie also
von der Nahrung der Renntierherde, den Flechten, Moosen und anderen Gliedern der
nordischen Heideflora ab. Daneben aber könnten diese Hyperboreer ohne die Robben
und Fische, ohne die unerschöpfliche Fauna des Meeres und der Küste nicht leben.
Gehen wir weiter nach dem Süden, so ist alle menschliche Wirtschaft zunächst
davon abhängig, ob die Erdoberfläche mit Wald oder nur mit niederen Pflanzen oder
gar nicht mit solchen bedeckt ist. Die ursprüngliche und natürliche Verbreitung des
Waldes hängt vom Boden, vom Klima und den Niederschlägen ab. Die südlichen Länder
waren nie so waldreich wie unsere mitteleuropäischen, ursprünglich fast ganz mit Wald
und Sumpf bedeckten Gebiete. Der Kampf mit dem Walde hat ganze Epochen der
menschlichen Wirtschaftsgeschichte beherrscht: mit den reißenden Tieren des Waldes hat
der Mensch gekämpft; viele der anderen Tiere haben ihn zur Jagd erzogen. Das wirt—
chaftliche Leben der Menschen in den eigentlichen Waldgegenden ist heute noch ein be—
stimmt geartetes; nur eine mäßige Bevölkerung kann von den Holz- und Waldgewerben