176 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
Bevölkerung auf Grund der technischen Fortschritte. Aber beide mußten zugeben, daß
die Pefsimisten nicht ganz Unrecht haben mit dem Hinweis auf dunkle Punkte, die
nit unserer heutigen volkswirtschaftlichen und socialen Organisation zusammenhängen:
die steigende Ehe- und Kinderlosigkeit der oberen Klassen unter starker Zunahme des
außerehelichen Geschlechtsverkehrs und der Prostitution, die Verspätung der Eheschließung
im Mittelstande, die proletarisch große Vermehrung der unteren Klassen mit überfrüher,
leichtsinniger Eheschließung und erheblicher Kindersterblichkeit sind fehr bedenkliche
Symptome. Und daß gegen sie die bloße Empfehlung verspäteter Ehe und die Ent—
haltung des Geschlechtsverkehrs in der Ehe, vollends in der des Arbeiters, wie sie von
Malthuüs und J. St. Mill ausgingen, nichts nützen, ist klar. Andere Sitten der
interen und der höheren Klassen in Bezug auf die Eheschließung und Kinderzeugung
sönnen nur im Zusammenhang mit veraͤnderter Lebensauffafsung und -führung, mit
beredelten Institutionen entstehen, nicht durch billige Ratschläge an die Armen herbei⸗
geführt werden.
Das große Problem, die Bevölkerung stets wieder in Einklang zu stellen mit den
wirtschaftlichen Lebensbedingungen, steht daher trotz der großen Auswege, die wir im
jolgenden betrachten, auch heute noch, und jetzt wieder mehr als zur Zeit des unbedingten
Oplimismus, vor uns. Wir werden sehen, daß zuletzt nur die sittliche Zucht und die
richtige Ausbildung unserer Institutionen uns helfen kann. J
Es ist eine neuere, halbpraktische, halbtheoretische Richtung von Arzten, edlen
Schwärmern und klugen Genußmenschen, welche glaubt, viel einfacher helfen zu können:
der seit 25 Jahren ausgebildete Neumalthusianismus. Er verlangt frühe Ehen mit
beabfichtigter Beschränkung der Kinderzeugung, soweit sie 2223 Kinder überschreitet —
die Silte des Zweikindersystems, welche in den Vereinigten Staaten, in Frankreich und
ruch schon in manchen anderen Ländern die höheren Gesellschaftskreise und die Bauern,
eilweise sogar schon weitere Kreise ergriffen hat. Man hat früher solche Vorschläge
als unsittlich und strafbar angesehen und sie strafrechtlich verfolgt, sie als Eingriffe in
die göttliche Schicksalslenkung verurteilt. Das geht zu weit. Menschliche Voraussicht
und planmäßiges Handeln muß, wie überall, so auch hier erlaubt sein; wo 20—40 —0
der Neugeborenen in den ersten Jahren wieder sterben, ist die Verhinderung ihrer Geburt
und ihres Todes mindestens der geringere Fehler. Für bestimmte Fälle muß aus
nedizinischen und moralischen Gründen Derartiges erlaubt sein. Aber die allgemeine
Berbreitung der hiefür nötigen Kenntnisse und Praktiken hat zunächst andere Schatten—
seiten ernstester Art. Sie erleichtert zugleich jede Art von geschlechtlicher Unsittlichkeit,
und sie fördert den Egoismus, die Bequemlichkeit, die Genußsucht der Eltern, sie ver—
mindert leicht jene hoͤchste Elterntugend, die erschöpfende Aufopferung für die Kinder,
sowie die größte Anstrengung der ganzen Nation für ihre Zukunft. Vielleicht ist es in
künftigen Zeilen höherer moralischer Ausbildung des Menrschengeschlechtes denkbar,
daß diese Schäden nicht oder in geringem Maße eintreten; vielleicht ist, wenn die ganze
Erde statt 1500 6000 — 12000 Mill. Menschen trägt, kein anderer Ausweg möglich;
zunächst betreten ihn allgemeiner nur die alternden, absterbenden Rassen, Völker und
Klafsen; die jugendlich krästigen und aufwärtssteigenden vermeiden in der Hauptsache
noch mit Recht das Zweikindersystem, weil sie noch an ihre eigene Ausbreitungsfähigkeit
nach außen und an ihre Verdichtung im Innern glauben.
74. Das Bevölkerungsproblem und die Wege seiner Lösung: b) die
Ausbreitung nach außen, Eroberungen, Kolonisationen, Wanderungen.
Wir sahen, daß die heutige Bevölkerungsbewegung durch die Wanderungen zeit- und
stellenweise stark beeinflußt wird. Wir haben oben erwähnt, daß die Entstehung der
Tier- und Pflanzenarten sowie der Menschenrassen auf Wanderprozesse zurückgeführt wird.
Wir wissen, daß die Menschheit größere Zeiträume der unsteten Wanderung als der
Seßhaftigkeit hinter sich hat, daß ihre Ausbreitung wie die der wichtigsten Kultur—
zexrungenschaften, Einrichtungen, Religionen und Sitten, die Ausbreitung des Geldes,
der Schrift, des Handels über die Erde auf Wanderungen beruht. Moritz Wagner
agt: die Migrationstheorie ist die fundamentale Theorie der Weligeschichte. —