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durch sein eigenes Interesse aus Rücksicht auf seine Konkurrenten
gezwungen sei, sich nur mit einem mäßigen Verdienste zu begnügen,
während ebenso infolge der vielseitigen Nachfrage gleicher Interessenten
die Kauflustigen gezwungen würden, einen. angemessenen Preis für die
Ware, wie für Dienstleistungen zu zahlen. Gerade diese Auffassung,
die von der Adam Smithschen Schule, so von David, Ricardo,
Frederic Bastiat und der deutschen Freihandelspartei vertreten
wurde, führte zu der Forderung, daß der Staat sich jeder Einmischung
in das wirtschaftliche Leben enthalten müsse, daß es eine soziale Frage
nicht geben könne, weil jeder Arbeitgeber durch ein Naturgesetz ge-
zwungen sei, die Löhne zu zahlen, die den Verhältnissen angemessen
seien, und mehr auch auf keinen Fall zahlen könne, wiederum unter
dem Druck der Konkurrenz. Ebenso führe internationale Handels-
ireiheit zur besten Entwickelung der Kultur aller Länder, weil dann
jedes das produziere, wozu es am besten befähigt sei.
Einseitigkeit Diese Lehre ist auf Grund der Erfahrung als falsch zu bezeichnen,
in Sa wie gegenwärtig allgemein anerkannt wird. Sie wäre richtig, wenn in
WACH LENFE, 30m wirtschaftlichen Leben sich überall die Parteien mit gleicher
Macht gegenüberständen, wo dann allerdings ein normaler "Tausch mit
zleichem Gewinne für beide Parteien das Ergebnis wäre. Diese Gleich-
heit der Macht ist aber weder im Verkehre im Inlande, noch in dem
internationalen Handel zu finden. Ein auf hoher Stufe stehendes In-
Justrieland wird denselben Artikel billiger herstellen können, als ein
Nachbarvolk mit geringem Kapital und wenig ausgebildeter Arbeits-
kraft und schlechten Kommunikationsmitteln, Es wird deshalb nicht
aur auf dem Weltmarkte, sondern auch im Inneren des letzteren Landes
mit seiner billigeren Ware die heimische Industrie aus dem Felde
schlagen und unterdrücken können; und beherrscht es den Markt hier-
nach, so wird es sich übermäßige Preise zahlen lassen können, So
hat in der That England eine lange Zeit durch seine industrielle Ueber-
legenheit die anderen Länder auszubeuten vermocht, welche auf seine
Produkte angewiesen waren. In der gleichen Weise sehen wir in der
Gegenwart in Deutschland in der Textilindustrie den Handweber unter-
Jrückt durch den Fabrikanten, den kleinen Schneider durch den
zrößeren Unternehmer. Der Fabrikant, der 300 Arbeiter beschäftigt;
kommt nicht in Verlegenheit, wenn auch mehrere Arbeiter ihm den
Dienst kündigen, weil ihnen der Lohn zu niedrig erscheint, oder Leute,
die Arbeit bei ihm suchen, auf seine Bedingungen nicht eingehen
wollen. Er kann ruhig warten, bis sich Ersatz findet. Der einzelne
Arbeiter dagegen wird nicht lange imstande sein, ohne Arbeit und
Verdienst seine Familie zu ernähren. Er sieht sich nach kurzer Zeit
zenötigt, sich den ungünstigen Bedingungen zu fügen, die er bisher
‚erworfen hat, wenn nicht eine ähnliche Fabrik in der Nähe ist, die
Arbeiter gebraucht; und wie häufig entlassen alle Fabriken derselben
Branche massenhaft Arbeiter, wenn die Konjunkturen ungünstig sind.
Sie sind in diesem Falle der stärkere Teil, ihm haben sich die ver-
einzelten Arbeiter zu unterwerfen. Man weiß, wie auf solche Weise
Ende des 18. und zu Beginn des 19, Jahrhunderts in England die
Löhne herabgedrückt wurden, so daß sich vielfach die Behörden ver-
__ anlaßt sahen, den Arbeitern Zuschüsse zu ihren Löhnen zu gewähren,
U weil sie notorisch zu ihrem angemessenen Unterhalt nicht ausreichten,
‚cr Konkur- SO finden sich. thatsächlich überall Ungleichheiten in der Macht der
venten. sich gegenüberstehenden Parteien, wie sie durch die Verschiedenheit