Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 309
sich die Mehrheit mehr oder weniger klar auf zwei Hauptgedanken zu
stützen: 1. Auf das Interesse einer Nation, sich die wirtschaftliche
Selbständigkeit zu erwerben; 2. auf die patriotische Notwendigkeit,
den nationalen Produzenten den nationalen Markt vorzu
behalten 1 ). Wenn diese beiden Gesichtspunkte, die mehr oder weniger
offen eingestanden und als politische Richtschnur genommen werden, in
ihren logischen Konsequenzen angewendet würden, so würde das darauf
hinauslaufen, jeden äußeren Handel unnötig zu machen, eine Nation für
immer auf die ihr zufällig durch die Natur gewährten Hilfsmittel zu be
schränken und ihren Anteil an denen, die die übrige Welt besitzt, auf ein
Minimum zu reduzieren. Sicherlich sind diese beiden Gedanken List
flicht ganz fremd gewesen. Bei ihm aber haben sie einen sekundären und
untergeordneten Charakter. Niemals hat er sie als dauernde Grundlage
einer Handelspolitik in Betracht gezogen.
List spricht oft davon, die Industrie einer Nation vom Auslands
markt „unabhängig“ zu machen 2 ). Er nennt die Nation die reichste,
«welche die Fabrikationskräfte nach allen Verzweigungen innerhalb ihres
Territoriums zur höchsten Vollkommenheit ausgebildet hat, und deren
Territorium und landwirtschaftliche Produktion groß genug ist, um ihre
Tabrikbevölkerung mit dem größten Teil der erforderlichen Lebensmittel
UQ d Rohstoffe zu versehen“ (S. 227/228). Er erkennt aber zugleich an,
daß diese Vorteile ein Ausnahmeprivilegium sind, und er nennt es „Torheit“,
wenn eine Nation „Produkte, in deren Hervorbringung sie von der Natur
n icht begünstigt ist, und die sie besser und wohlfeiler vermittels der inter-
n ationalen Arbeitsteilung, d. h. durch den auswärtigen Handel sich ver
schaffen kann, vermittels der nationalen Arbeitsteilung, d. h. durch Pro-
flktion im Innern sich verschaffen wollte“ (S. 238). Die vollständige
Selbständigkeit ist daher für ihn ein unerreichbares Ideal. Man kann
„ /Vnndements feconomiques
1 ) Einzelne gehen sogar viel einem jeden Lande egen
de la protection, franz. Übers., Paris 18 ) , e ; nes jeden Landes zw E '.
tümlichen Nationaltypus schaffen, der dle ®TL des zu ernähren und zu Weiden
^h nur nach den natürlichen Hilfsquellen das ^natürlich allen europäischen
Sowürde man einen „amerikanischenTypus sc ^ ’ können wir uns damit be
Typen unendlich überlegen sein würdel ’ k de ’ r anderen Völker auszuuben
lassen, einen überwiegenden Einfluß auf <5as a ftliche Verfassung aufzugeben, u
und sie dazu zwingen (siel), ihre jetzige wirtschatt ^ daWn gibt es keine aus
sen höheren sozialen Zustand anzunehmen (&• * 'g chutzzo llsystem mit dem Na-
'indische Einfuhr! Wie häufig verschmilzt doch 7 !j e if e lhaft ein Vorläufer, wenigstens
tionalismus oder dem Imperialismus! Und List is s VO n dem ersieh allerdings durch
aber eine Vorfrucht des deutschen Pangermam un t er scheidet.
8 einen politischen Liberalismus, dem er tre ’ ( . gt w ährend des Krieges von
2 ) Der Gedanke der „Wirtschaftlichen ii i ipr t, r i c ben worden. Vgl. Brescia.ni-
d «i deutschen Schriftstellern bis zur Tollheit mist i tedeschi, in Riforma
Tcron!, L’idea del „Weltreich“ negli scritti üegn
sociale“, Januar-Februar 1918.