121
Unternehmer, mehr zu differenzieren und Mehrleistungen gebührend
zu bezahlen, argwöhnen die Arbeiter, er wolle die Vertragsbedingungen
zu seinen Grünsten ändern.
Der Vorwurf, dass sich ein Erfolg der Organisation nicht
aufrecht erhalten lasse, da höhere Löhne mehr Leute aus benachbarten
Gewerben anziehen, trifft nur die Unvollständigkeit der
Organisation. So wirkt im Anfang die Organisation oft nur auslesend,
bis die Organisation der Masse dann in sich einen festen
schützenden Halt- birgt, wie wir das bei den Ungelernten gezeigt
haben.
Ebenso drängt uns zur Erweiterung der Organisation der
Vorwurf, die Organisierten bereicherten sich auf Kosten der
Nichtorganisierten. Wenn durch Organisierung der Schneider und
Schuster Kleider und Schuhe im Preise steigen und die nichtorganisierten
Kellner für ihr Geld weniger davon kaufen können,
so würden wohl die Organisierten sich nicht so eifrig bestreben,
ihre Brüder zu organisieren und sich selbst deren Produkte zu
verteuern. An anderer Stelle ist gezeigt, dass die Arbeiter nicht
auf Kosten der Konsumenten, sondern mittels Hebung der eigenen
und fremden Kaufkraft ihre Lage verbessern.
Wer die Gewerkschaftler als Materialisten ohne Ideale hinstellt,
der sei nur auf die Aufopferung für die Brüder bei einem
Symathiestreik hingewiesen. Aber sie glauben allerdings, dass
die Hebung ihres Standes am besten dadurch erreicht werde, dass
jeder sein eigenes Gewerbe zu heben sucht.
Die Nachteile der Gewerkschaften mögen dem Fernerstehenden
sichtbarer sein; ihr Wert aber ist tief und fest gebettet in
den Herzen der Millionen, die sie zu neuem und höherem Leben
erweckt haben.
Gerade jetzt, wo ihnen Hunderttausende Fremder Zuströmen,
sollte man ihnen gegenüber toleranter sein. Neue Mitglieder
müssen mehr Eifer als Verstand haben und mehr Fehler und Ausschreitungen
begehen. Aber statt Leute anzugreifen, die im
Eifer für eine gute Sache Dummheiten machen, sollte Irian sich
den Bericht der Industriellenkommission an den Präsidenten zu
Herzen nehmen: „Leute, die aus industrieller Unterjochung zur
Selbstverwaltung aufsteigen, zeigen die gleichen Schwächen, wie
die aus dem politischen Absolutismus hervorgehenden; nur Erfahrung
kann den guten Kern entwickeln, der in der Demokratie
steckt“.