Rheinland und Westfalen: Velbert, Schwelm, Neheim, Barmen, Iserlohn, Aachen rc. 39
Sie legen die Haken und Ösen auf, die dann mittels Gasstichflamme
vom Vater aufgelötet werden. Im vorigen Jahre ist in Barmen fast
eine ganze Familie durch ausströmende Gase erstickt, nur bei zwei Personen
hatten die Wiederbelebungsversuche Erfolg. Ich hatte Gelegenheit,
bei einem Heimarbeiter die Anlage für Gaslöterei zu besichtigen
und mußte erklären, daß die Anlage allem, aber nicht den gesetzlichen
Vorschriften entsprach.
In der Musikinstrumentenbranche in Meuenrade hatte ich
noch nicht Gelegenheit, die Heimarbeit zu beobachten, doch sollen dort
nach nlir gemachten Mitteilungen die Zustände auch nicht besser fein.
In Iserlohn ist die Heimarbeit in der Nadelinduftrie und der
Fabrikation von Fischangeln zu verzeichnen. Kinder sind mit Einschnüren
von Nadeln, Bestecken der Briefe mit Stecknadeln, Einölen
von Haarnadeln u. f. w. beschäftigt. Ein Fabrikinspektor hob seinerzeit
in seinem Bericht hervor, daß ein Lehrer darüber klagte, daß die Kinder
der Nadelarbeiter schwächlich und unaufmerksam wären und ein blasses
Aussehen hätten. Ist dies zu verwundern? Muß nicht die Gesundheit
der Kinder leiden, wenn sie abends sogar bei Licht, ivenn sie müde
find, noch ihre Augen beim Einschnüren anstrengen müssen, wenn sie
schon in der Jugend, um zu verdienen, mitarbeiten müssen? Die Löhne
oder Akkordsätze der Nadelarbeiter sind so niedrig gestellt, daß abends
Weib und Kinder um das tägliche Brot mitschuften müssen, lind dabei
will man den Arbeitern durch brutale Aussperrungen noch ihre Organisationen
vernichten, will man jetzt die Arbeiter durch „Wohlfahrtseinrichtungen"
zu ködern suchen.
In Lüdenscheid werden in der Hausindustrie elektrotechnische
Artikel hergestellt, ferner Besatzartikel. Man kann dort in vielen
Familien beobachten, wie zur Herstellung von Hosenkrempen, Patenthosenknöpfen,
Kleiderkrempen und Hosenschnallen Frauen und Kinder
beschäftigt werden. Im Winter holen sich die Leute stundenweit die
Arbeit von den Fabriken, um sie zu billigem Preise herzustellen. Arbeit
wird abends mit nach Hause genommen und dann zu Hause weitergearbeitet.
In der Nadelindustrie finden wir auch noch die Heimarbeit
in Aachen. Vorwiegend sind daran Frauen beschäftigt, die als Mädchen
in den Nadelfabriken tätig waren. Auch hier werden die .Kinder mit
herangezogen.
Am schlimmsten ist die Kinderarbeit und -Ausbeutung in der
Fabrikation der Besatzartikel in Lüdenscheid und Aachen. Kinder
von 5 Jahren müssen schon die Kleiderkrempen und Ösen mit aufnähen
helfen für die Weltfirma William Primm in Stollberg
bei Aachen. Man kann Kinder in der Ferien- und schulfreien Zeit
auf den Treppen vor den Häusern beobachten, zu sechs bis zehn zusammensitzend,
Ösen und Haken aufzunähen. Kinder von sieben bis
acht Jahren bekommen schon von den Eltern eine Anzahl Karten täglich
ausgegeben, und erst nach der Fertigstellung dürfen sie spielen gehen.
Für fünf Groß, das sind 720 Kartons, auf jeden Karton 24 Haken
und 24 Ösen, wird 1,50 Mk. bezahlt. Eine Mutter mit vier Kindern
verdient, wenn sie zusammen gut eingearbeitet sind, beim Aufnähen