Full text : Die Heimarbeit und ihre Verbreitung in der Metallindustrie

Rheinland  und  Westfalen:  Solingen,  Remscheid,  Wermelskirchen,  Rade  dorm  Wald.  37

Heimarbeiter  kann  aber  wegen  Mangel  an  Geld  sich  sämtliche  erforderlichen ­
  Werkzeuge  beschaffen,  noch  viel  weniger  die  elektrische  Kraft,
Transmission  und  Vorgelege.  Und  so  muß  der  schlechter  gestellte
Arbeiter  in  der  Hausindustrie  langsam  aber  sicher  im  Kampfe  ums
Dasein  zugrunde  gehen.
Auch  viele  Schleifer,  die  bis  vor  kurzer  Zeit  noch  im  Kotten
geschliffen  hatten,  schafften  sich  einen  Elektromotor  an,  und  so  wird
dadurch  die  Schleiferei  auch  wieder  als  Hausindustrie  betrieben.  Wenn
vor  Jahren  die  Frauen  und  Mädchen  nicht  mehr  in  den  Kotten  mit
ihrer  Männerkleidung  vor  dem  Steine  oder  der  Scheibe  sitzen  dursten
und  somit  Arbeiterinnen  nicht  mehr  im  Schleiferberuf  tätig  waren,  so
kann  man  heute  schon  wieder  beobachten,  wie  Frauen  und  Mädchen
in  der  Hausindustrie  an  der  Scheibe  sitzen  und  die  gesundheitsschädliche
Arbeit  verrichten.  Es  ist  dies  traurig,  aber  leider  wahr.
Schätzungsweise  werden  im  Kreise  Solingen  7000  bis  8000  Heimarbeiter ­
  vorhanden  sein,  die  unter  den  ungesunden  Verhältnissen  dahinleben. ­
  Solingen  ist  berühmt  geworden  durch  seine  Industrie,  doch
fängt  es  auch  schon  an,  bekannt  zu  werden  dadurch,  daß  es  einen
großen  Prozentsatz  der  vorzeitig  invalid  Gewordenen  stellt.  Schreiber
dieses,  Beisitzer  am  Schiedsgericht  für  Arbeiterversicherung,  hat  die
Beobachtung  gemacht,  daß  gerade  aus  der  dortigen  Gegend  Arbeiter
ini  Alter  von  30  bis  35  Jahren  um  Invalidenrente  nachsuchen.  Wirft
dies  nicht  ein  grelles  Streiflicht  auf  die  dortigen  ungesunden  Zustände?
Von  Jugend  cmf  mitarbeiten  bei  nicht  ausreichender  Nahrung,  die
schwangere  Frau  körperlich  angestrengt  arbeiten,  die  Kinder  in  Wohnungen,
die  zugleich  Arbeitsräume  sind,  großgezogen  —  das  ist  das  Los  der
Heimarbeiter  und  ihrer  Familien  im  Kreise  Solingen.
Heilstätten  werden  gebaut,  Genesungsheime  u.  s.  w.  für  die  durch
die  Ausbeutung  zu  lebenden  Ruinen  gemachten  Menschen.  Besser  wäre
es,  wenn  das  Übel  bei  der  Wurzel  gefaßt,  wenn  menschliche  Zustände
herbeigeführt  würden.  Daran  zu  arbeiten  ist  auch  eine  der  heiligsten
Aufgaben  der  Solinger  Heimarbeiter.
Wernscheid.  Hier  ist  die  Feilenerzeugung  vorwiegend  in  der
Hausindustrie,  ebenso  in  Wermelskirchen  und  Wade  vorm  Wald.
Es  sind  in  der  Feilenindustrie
in  Remscheid  ....  650  Heimarbeiter,  davon  27  weibliche,
-  Wermelskirchen  .120  -
-  Rade  vorm  Wald  80  -
Im  Kreise  Solingen  sind  dann  noch  in  der  Werkzeug-  und  Sägefabrikation, ­
  Bohrfeilerei,  Beitel-  und  Hobeleisen-  sowie  der  Kluppenfabrikationen ­
  u.  s.  w.  ungefähr  200  Heimarbeiter  beschäftigt.  Die
Arbeitszeit  dauert  von  nwrgens  6  Uhr  bis  abends  8  Uhr,  doch  meist
wird  noch  länger  gearbeitet.  Die  Frauen  und  Kinder  werden  auch
zur  Mitarbeit  herangezogen.  Sie  müssen  morgens  um  6  Uhr  mit  in
die  Schmette  (Werkstatt).  Das  Kantenkippen  an  den  Sägefeilen  wird
von  den  Kindern  besorgt.  Vor  und  nach  der  Schulzeit  werden  die
Kinder  im  Alter  von  sieben  bis  acht  Jahren  schon  in  den  staubgeschwängerten ­
  Werkstätten  mit  beschäftigt.  Jeder  Feilenhauer  von  auswärts ­
  wundert  sich  über  die  niedrigen  Preise  der  kleinen  Feilen,  die
            
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