Neunter Abschnitt.
Die Neuzeit.
Die neueren Jahrhunderte seit Ausgang des Mittelalters (etwa
um 1500) gelten als das Zeitalter der Geldwirtschaft. Ganz allge-
mein ist die Anschauung vorherrschend, daß die Naturalwirtschaft
immer mehr verdrängt wurde und die Geldwirtschaft an deren Stelle
getreten sei. Eine Skala gesteigerter Verbreitung nicht nur, sondern
auch intensiverer Durchdringung aller Lebens- und Gesellschafts-
formen durch die Verwendung des Geldes sei anzunehmen, ein
neues Unternehmertum, der Kapitalismus, trete damit auf und habe
die volle Wandlung aller Wirtschaftsverhältnisse gegenüber dem
Mittelalter herbeigeführt. Im Zeitalter der großen Entdeckungen
neuer Länder strömten aus diesen unerhörte Mengen von Edel-
metall, erst Gold, dann in gehäufter Ausbeute Silber herzu und
breiteten sich von Spanien und Portugal über das abendländische
Europa aus. Geldprägung und Geldumlauf, Kreditgewährung, Ver-
mögensbildung und Ansammlung von Kapital nahmen ein ganz
ungewohntes Ausmaß an’). War im Spätmittelalter die fort-
schreitende Ausbildung der Geldwirtschaft erheblich gehemmt durch
den Geldmangel, die Unzulänglichkeit der im Umlauf befindlichen
Edelmetallmengen?), so mußte infolge Wegfalls dieser alten
Schranken, jetzt die Geldwirtschaft immer weitere Kreise erfassen
und eine völlige Umgestaltung auf ökonomischem Gebiete be-
wirken, die der Großstaatbildung der Neuzeit parallel steht. Der
Großhandel und der Großbetrieb im Gewerbe, Manufakturen und
Fabriken, treten. im Gefolge davon auf, sie sind charakteristische
Betätigungsformen des neuen Unternehmertums, das der Besitz
‘) Vgl. R. Kötzschke, Allgemeine Wirt. Gesch. des Mittelalters
(1924), S. 603.
?) Jos. Kulischer, Allgem. Wirt. Gesch. des MA. und der Neuzeit ı,
315 (1928).