Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

wirtschaft eine Errungenschaft der Neuzeit, t? 
Das hiermit angedeutete Gebiet der Analogien zu unserm 
deutschen Mittelalter ließe sich noch reichlich erweitern und zwar 
nach mannigfachen Richtungen hmm. Die mangelhafte Bemrrt- 
schaftung des Landes, die z. B. der russische Mir zur Folge hat, 
bringt es mit sich, daß noch im neueren Rußland trotz der ver 
hältnismäßig geringen Bevölkerung Hungersnöte mit fast mit- 
telalterlicher Häufigkeit sich einstellen!), wie ferner in dem Ruß 
land der Bolschewiken die Zerstörung der Verkehrsmittel eine 
fast mittelalterliche Abschließung der einzelnen Landschasten 
und damit wiederum wirtschaftliche Not in denen, die ihren 
Bedarf nicht selbst hervorbringen, zur Folge hat. Jn der moder- 
nen Türkei gehört es, bei den unentwickelten Vertehrsmitteln 
und der ungepflegten Landwirtschaft, zu den nicht seltenen Maß- 
nahmen, daß, um der Broiteuerung zu steuern, ein Jrade das 
Verbot der Getreideausfuhr und die Zollfreiheit für einzu- 
führendes Getreide verfügt. Unser Vaterland hat der große 
Weltkrieg so abgeschlossen, daß wir Maßregeln der mittelalter 
lichen Stadtwirtschaft erneuert, daß wir überhaupt die Politik 
der mittelalterlichen Stadt wiederholt haben?). 
So erfolgreich indessen die Heranziehung solcher analogen 
Fälle die historische Betrachtung gestaltet, so werden wir uns 
doch zu hüten haben, die in Betracht kommenden Erscheinungen 
und Maßnahmen auf ein strenges geschichtliches Gesetß zurück- 
zuführen. Gerade dem schärferen Blick in die Art der analogen 
Fälle verdanken wir die Einsicht, daß wohl greifbare Zusammen- 
hänge zwischen den Dingen bestehen, daß es aber unzulässsig ist, 
scharfe Linien zu ziehen und für alle Völker eine übereinstim- 
mende stufenmäßige Entwicklung anzunehmen. Besondere Ver- 
hältnisse können eine bestimmte Erscheinung hier früher, dort 
später hervortreten lassen, und alte Einrichtungen behaupten 
V ! Vgl. Sering, Politik der Grundbesitverteilung in den großen 
eichen, .S. 19. 
2) Vgl. meine Abhandlung: „Mittelalterliche und neuzeitliche 
Teuerungspolitik“, Europäische Staats- und Wirtschaftszeitung vom 
11. August 1917, S. 794 ff. und meine Schrift „Mittelalterliche Stadt- 
wirtschaft und gegenwärtige Kriegswirtschaft“ (Tübingen 1911). 
)
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.