Full text: Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

Anhang. Zur Philosophie der Statistik. 535 
Ist nun auch, wie sich aus der vorstehenden Notiz ergibt, das Ver- 
hältniss der deutschen Bergleute ein entschieden günstigeres als das der 
englischen, so haben doch Prof. Zeuners Vergleichungen*) dargethan, 
dass die Lebensdauer in Freiberg, einerseits der Bergleute anderseits der 
.Nichtbergleute, sich )0 stellt, dass von 10.000 Personen ein Alter von 
90 Jahren erreichen: 
Männer Frauen 
Bergleute .... 1 1- 
Nichtbergleute . . 10 20 
Schon in dem Alter zwischen 30 und 40 Jahren werden die meisten 
Arbeiter ,,bergfertig“, d. h. invalid. 
Selbstverständlich kann keine Rede davon sein, wirklich nothwen- 
dige Arbeiten aufzugeben, weil deren Betrieb mit Nachtheilen und Ge 
fahren verknüpft ist. Aber es gilt vor Allem, die Phatsachen zu er 
mitteln und festzustellen ; sie liefern nicht selten ganz andere Resultate 
als die blosen Annahmen und Behauptungen. Dann wird der mensch 
liche Scharfsinn darauf geleitet, Mittel zur Abhülfe der Hauptübel zu 
erdenken, und sicherlich wird ihm dies, so bald man die wahre Sach 
lage kennt, in den meisten Fällen in bedeutendem Grade gelingen. 
Den Opfern gegenüber, welche manche Arbeiten fordern, und, 
wenn auch in wesentlich vermindertem Masse, stets fordern werden, ist 
es nicht nur eine beruhigende, sondern selbst erhebende \V ahrnehmung, 
dass die Arbeit an sich nicht nur nicht schadet, sondern im Gegentheil 
zur Verlängerung des Lebens beiträgt, indem sie die Gesundheit stählt 
und stärkt, während hinwieder Trägheit und Ueppigkeit die nemlichen 
Wirkungen erzeugen, wie eine höchst ungesunde Beschäftigung. Der 
Engländer Dr. Guy, der mit vielem Fleisse die Lebensdauer in den 
vornehmen Classen zu ermitteln suchte, gelangte zur heststellung der 
überraschenden Thatsache, dass bei Erwachsenen, je höher die Stellung 
in der socialen Hierarchie, je unbeschränkter die Mittel zur Befriedigung 
jedes Gelüstes, — desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer langen 
Lebensdauer ist. Man hat sich so sehr daran gewöhnt, den Besitz von 
Reichthum als die beste Bürgschaft des körperlichen Wohlergehens an 
zusehen, dass die Meisten mit Staunen den Satz Guy’s vernehmen 
werden : die Wahrscheinlichkeit der Lebensdauer kürzt sich bei jeder 
Bevölkerungsclasse der Erwachsenen in dem Masse ab, in welchém ihr 
der wohlthätige Antrieb zur Arbeit fehlt. Zieht sich ein Mann, der lange 
Zeit in reger Thätigkeit lebte, plötzlich von allen Geschäften zurück, 
so lässt sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 gegen 1 annehmen, dass 
er das wirksamste Mittel ergriffen hat, sein Leben zu verkürzen. So 
sehr wir auch über den Geschmack des Seifensieders lächeln mögen, der, 
nachdem er sich in Ruhe versetzt, gleichwohl an jedem läge des Seifen 
siedens nach seinem alten Arbeitslocale wandelte, so müssen wir doch 
anerkennen, dass der Instinct den Mann vollkommen richtig geleitet hat. 
Den Müssiggang vermögen wir am wenigsten zu ertragen, und ganz be 
sonders gilt dies von Solchen, welche sich an ein thätiges Leben einmal 
gewöhnt haben. ,,Wahrlich,“ bemerkt ein englischer Statistiker , ,,es 
giebt eine Vergeltung in diesem Leben, wenn wir dieselbe nur richtig 
') S oben S. 509.
	        
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