Full text : Schutz dem Arbeiter!

eines  solchen  Gesetzes  die  Arbeitszeit  entsprechend  erhöhen  würden*)-Auch
  Herr  Dr.  Baumbach,  der  „manchesterliche"  Wortführer  der
deutsch-freisinnigen  Partei,  hat  sich  dieses  Argument  angeeignet.  Wir
erachten  dasselbe  für  durchaus  unzutreffend.  Die  Erfahrungen  in  Oesterreich ­
  wie  in  der  Schweiz  sprechen  dagegen.  Anderseits  bleiben  alle
Gründe,  welche  Arbeitgeber  wie  Arbeiter  zur  Jnnehaltung  einer  kürzern ­
  Arbeitszeit  bestimmten,  doch  in  voller  Wirkung,  werden  nur
noch  durch  die  öffentliche  Meinung  und  durch  den  Umstand,  daß  auch
die  Coneurrenz-Unternehmungen  zu  einer  Herabsetzung  ihrer  Arbeitszeit ­
  resp.  zur  Jnnehaltung  einer  bestimmten  Arbeitszeit  angehalten  werde»,
verstärkt.  Es  könnte  jedenfalls  nur  ein  Vorwand  von  den  Arbeit'
gebern  sein;  wenn  es  denselben  aber  bloß  um  Vorwände  zu  thun  ist,
so  ist  der  Hinweis  auf  die  heute  herrschende  überlange  Arbeitszeit  vieler
Concurrenz-Unternehmungen  jedenfalls  noch  wirkungsvoller.
Der  Maximal-Arbeitstag  ist  nicht  bloß  eine  Forderung  der  Humanität
und  Cultur,  sondern  kommt  auch  der  nationalen  Production  zu  gute-Eine
  allmälige  angemessene  Herabsetzung  der  Arbeitszeit  bedeutet
durchaus  noch  nicht  eine  Herabdrückung  der  Arbeitsleistung,  wie  auch
umgekehrt  durch  Erhöhung  der  Arbeitszeit  über  ein  gewisses
hinaus  sich  wohl  auf  kurze  Zeit  vielleicht  eine  vermehrte  Arbeitsleistung
erzielen  läßt,  aber  nicht  auf  die  Dauer.  Es  ist  eine  durch  vielfache
Erfahrungen  widerlegte  Annahme,  als  deckten  sich  immer
Arbeitszeit  und  Arbeitsleistung.
Vor  allem  sind  die  Erfahrungen  in  England  in  dieser  Beziehung
lehrreich.  Kein  Land  der  Welt  hat  sich  einer  solchen  Ausbeutung  & et
arbeitenden  Klassen  schuldig  gemacht  wie  England,  nirgends  aber  ist
auch  der  Schutz  des  Gesetzes  so  eingreifend  gewesen  wie  hier.
Die  Reduction  der  Arbeitszeit  von  zwölf  auf  zehn  Stunden  wurt
als  der  Ruin  der  englischen  Banmwoll-Jndustrie  prognosticirt.  Gerat
in  den  letzten  zwei  Stunden  —  so  führte  z.  B.  Senior  in  seines
Briefen  über  die  Fabrikgesetze  (1837)  aus  —  werde  der  Unternehmt"
Gewinn  producirt,  während  die  frühern  Stunden  nur  die  Deckung  dt
Productionskosten  lieferten.  Und  ähnlich  waren  die  Argumente,
denen  die  Führer  der  Manchesterschule,  Cobden,  Bright,  Joseph
Hume,  Bowring,  Mark  Phillips,  Lord  Brougham  und  nach  feint
Bekehrung  zum  Freihandel  Sir  Robert  Peel  im  Parlament  die  Äm
träge  des  toryistischen  Lord  Ashley  und  des  radicalen  Fabrikanten
Field  en  auf  Erlaß  eines  Zehnstunden-Gesetzes  bekämpften.

*)  Verhandlungen  des  deutschen  Reichstages  vom  26.  Januar  1885.
            
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