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weil derselbe sich nicht, wie der Fabriklohn, in klingender Münze dar
stellt; thatsächlich kommen aber die Arbeiter, deren Frauen Hauswesen
und Kinderpflege selbst besorgen, weiter, wie diejenigen, deren Frauen in
die Fabriken gehen, der Hausarbeit sich entwöhnen und dann in der
Regel den Fabriklohn für Putz und Näschereien wieder verausgaben.
Schiller sagt in seiner Glocke: »die Hausfrau mehrt den Gewinn mit
ordnendem Sinn«. Das alte deutsche Sprüchwort: »Ist die Frau
nicht hauserig, geht doch alles hinter sich.« Die Frau kann aber
nicht hauserig sein, so lange sie nicht Hausfrau, sondern Fabrik-Arbei
terin sein muß."
Auch Medicinalrath Dr. Köttnitz in Greiz i. V. forderte, daß
schwangere Arbeiterinnen von der Arbeit in Fabriken ausge
schlossen würden, und daß für solche in Fabriken arbeitende Mütter,
welche noch unerzogene Kinder haben, eine mehrstündige Mit
tagspause und am Abend ein früherer Schluß der Arbeit gewährt
würde. Nun ist aber erstere Forderung aus naheliegenden Gründen
praktisch undurchführbar; anderseits drängen aber auch seine ganzen
Ausführungen zu einer weitergehenden Schlußfolgerung: alle ver-
heiratheten Frauen auszuschließen.
„Berhcirathete Frauen resp. Mütter müssen schon zwischen 4 und 5 Uhr Mor
gens das Bett verlassen, um den Morgenimbiß vorzubereiten und die schulpflichtigen
Kinder für den Schulbesuch fertig zu machen, sind also 1 ’/*—2 Stunden bereits thätig
gewesen, bevor das Tagewerk in der Fabrik beginnt. Am Abend haben sie dann wie
derum mehrere Stunden häusliche Arbeiten zu verrichten, bevor sie die Ruhe suchen können.
Vom hygienischen Standpunkte aus ist deshalb zu verlangen, daß schwangere Arbeiterinnen
vor dieser Ueberbürdung geschützt werden.
„Daran schließt sich dann die Forderung, daß Mütter, welche in Fabriken beschäftigt,
zu Hause aber noch der Pflege bedürftige Kinder haben, über Mittag eine mehrstündige
Pause haben und des Abends früher entlassen werden sollen. So würde es der Arbeiterin
möglich gemacht, falls dieselbe nicht zu weit von der Fabrik entfernt wohnt, die Pflege
und Ernährung ihrer Kinder selbst (?) vorzunehmen; sie würde Zeit haben, für
ihren Mann, für sich selbst und die Kinder das Mittags- und das Abendessen,
wenn sie etwas zu kochen gelernt hat, zuzubereiten. Leider kommt cs bei der jüngcrn
Fabrikbevölkerung immer seltener vor, daß eine verheirathcte Arbeiterin außer Kaffee
und Kartoffeln noch andere Speisen kochen kann. Warme, kräftige Mittags
kost verstehen dieselben nur selten herzurichten. Im Großen und Ganzen leben die Fabrik
arbeiter und Arbeiterinnen in den voigtländischen Jndustriebezirken tagüber meist von
Kasfee und Butterbrod; am Abend aber wird rohes, gehacktes Rindfleisch oder Schweine
fleisch auf Butterbrod gestrichen oder Wurst dazu gegessen, oder Zuckergebäck und sonstige
Schleckereien oder Obst. Warme Speisen kochen nur solche Arbeiterinnen, die
srüher eine Zeit lang als Dienstmädchen gedient und bei dieser Gelegenheit das Kochen
etwas gelernt haben. — Ueber die auffallende Genußsucht der Arbeiterinnen, namentlich
der jünger», und darüber, daß dieselben gar nicht zu wirthschaften verstehen, beklagen sich
mehrere Fabrik-Jnspectoren in ihren amtlichen Berichten. Dieser Uebelstand nimmt von
Jahr zu Jahr zu, da die Töchter solcher Arbeiter-Familien, sobald für diese der Schul-