Metadata: Die deutsche Wirtschaft

Wirtschaft und Steuerpolitik, 277 
Kommunen durch die Steinsche Gesetzgebung gewährte freie Selbst- 
verwaltung ist durch die parteipolitische Umgestaltung der Gemeinde- 
parlamente in eine gefährliche Entwicklung gekommen. Auf dem Ge- 
biete der Sach- und Personalausgaben suchen die verschiedenen Par- 
teien sich zu übertrumpfen, um sich bei den Wählern möglichst beliebt 
zu machen. Es werden alle Angriffe auf die Gemeindefinanzpolitik 
vielfach als Verletzung der kommunalen Selbstverwaltung hingestellt, 
anstatt daß gerade die Verfechter der Selbstverwaltung sich darüber 
klar sein sollten, daß Selbstverwaltung in der heutigen Zeit nicht freie 
Ausdehnung der Selbstbetätigung sein kann, sondern daß dieses Recht 
der Selbstverwaltung gleichbedeutend ist mit der ernsten Pflicht der 
Selbstbeschränkung. Dieser Grundsatz wird freilich sehr schwer durch- 
zusetzen sein, da vielfach diejenigen Steuern beschließen, die sie nicht 
zu bezahlen haben. 
Es genügt auch hier, abschließend festzustellen, daß in allen öffent- 
lichen Körperschaften die Ausgaben gegenüber 1913 ganz außerordent- 
lich gesteigert sind, daß diese Ausgaben im Jahre 1924 nur gedeckt 
werden konnten durch eine ganz unmögliche Überspannung der Steuer- 
last und daß eine Minderung der Steuerlast gleichbedeutend mit einer 
Minderung dieser Ausgaben ist. Diese Einschränkungen werden sich so- 
wohl auf die Besoldung wie auf die Zahl der Beamten und Angestellten 
erstrecken müssen; ein großer Teil der sonstigen sachlichen Ausgaben 
wird zurückzustellen sein, wenn wir tatsächlich die Steuerlast mindern 
wollen. Wenn dieser Weg nicht planmäßig beschritten wird, muß 
schon die starke Minderung der den öffentlichen Kassen zufließenden 
Mittel unnachsichtig eine solche Maßnahme erzwingen. Dazu kommt, 
daß am 1. Dezember 1925 die Zahlungen nach dem Dawesplane be- 
ginnen, die im ersten Jahre 1 Milliarde 220 Millionen betragen, stei- 
gend bis 1928/29 auf 2,5 Milliarden Mark, wovon dann die Hälfte aus 
dem Reichshaushalt entnommen werden muß, 950 Millionen der Eisen- 
bahn zur Last fallen, einschließlich der Transportsteuer, und 300 Millio- 
nen auf die Industriebelastung, 
Was ist nun geschehen, um die Steuern bzw. die öffentlichen Aus- 
gaben in ein richtiges Verhältnis zu unserer allgemeinen und wirtschaft- 
lichen Lage zu bringen, um alle die Folgen zu verhüten, die, wie ich 
oben dargelegt habe, sich aus einer weiteren Überbesteuerung ergeben 
müssen? Was ist ferner geschehen, um zu verhüten, daß die öffent- 
lichen Verwaltungen plötzlich vor der Tatsache stehen, daß ihnen die 
Mittel nicht mehr in der Höhe zufließen, mit der sie in ihren Ausgaben- 
voranschlägen gerechnet haben? 
| Regierungen und Parteien haben sich jedenfalls überwiegend davon 
überzeugt, daß hinsichtlich der Steuerbelastung ein starker Abbau ein-
	        
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