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Wunsche, wenn .inch nicht immer in vollem Maße. Berücksichtigung gesunden
haben. Nicht minder aber sehen wir einen Vortheil in den Ermäßigungen der
deutschen Zollsätze. mit denen die fremden Ermäßigungen erkauft sind Wir haben
mehrfach darauf hingewiesen, daß die Vergleichung der Handelöstatistik Deutsch,
lande mit denen der anderen Industriestaaten crgiebt. daß die deutsche Ausfuhr
im Verhältniß zu derjenigen der anderen Staaten in de», Zeiträume von 1870
bio '870 stärker zugenommen hat. ale in der folgenden Zeit gesteigerter Schutz,
zölle; die industriellen Schutzzölle erschweren die Entwicklung derjenigen Industrien,
welche die geschützten Waaren weiter verarbeiten, die landwirtbschaftlichen ver-
thenern den Lebensunterhalt, namentlich für die unbemittelten Klassen, und zwingen
entweder zu einer Erhöhung der Arbeitslöhne oder zu einer Einschränkung in leichter
entbehrlichen Bedürfnissen. AIS eine Rückkehr zum Freihandelssystem sind die
Verträge allerdings nicht anzusehen, sondern nur als eine vorsichtige Abschwächung
der in den letzten Jahren wechselseitig von den verschiedenen Staaten gesteigerten
Tarife, eine Wiederannäherung an die Sätze von 1870. welche, wie die Denkschrift
mit Recht betont, seiner Zeit wesentlich als Kompensationsobjekte fü^Handels-
verträge befürwortet und beschlossen worden sind, und welche besondere für die
landwirtbschaftlichen Erzeugnisse noch bei Weitem nicht wieder erreicht werden,
freilich sind in wichtigen Punkten unsere Wünsche nicht erfüllt worden. Wir
bätlen gewünscht, daß die Meistbegünstigung nicht nur für die Einfuhr aus dem
dreien Verkehr, oder die Boden- und Gewerbserzeugnist'e der Vertragsstaaten zu
gesichert. sondern daß sie nach dem Vorgänge des in diesem Jahre abgeschlossenen
teutsch-türkischen Vertrages auf den Eigenbaiidel ausgedehnt worden wäre. Wir
bedauern, daß cs nicht gelungen ist, die differcuziellen Bcgünstungen für die Ein
fuhr seewärts, mit denen Oesterreich Ungarn einen, den hiesigen Handel empfindlich
benachtbeiligenden Schutz seiner Seehäfen bezweckt, völlig zu beseitigen, sondern
daß nur ihre Erweiterung und Erhöhung vorgebeugt werden konnte; und wir be
dauern namentlich, daß unsere Freiha'en-Jndustrie. welche doch auch eine teutsche
Industrie ist. nnsereS Erachtens ohne jeden stichhaltigen t^rund, theilweise von dcr
Begnnstigung ausgeschlossen, und damit gegenüber der Industrie des Auslandes
beispielsweise Englands, für die 6infi.hr nach Oesterreich-Ungarn benachteiligt
worden ist. Diese speciell die hamburgischen Interessen schädigenden Bestimmungen
können uns aber nicht abhalten, die überwiegenden Vortheile der Verträge für
das gesammte deutsche Wirthschaftslebcn. mit dein auch Hamburg unzertrennlich
verbunden ist, voll anzuerkennen. Wir hoffen, daß die erwähnten Nachtheile durch
die Ausbildung des Systems der Tarifverträge mehr und mehr werten abgeschwächt
werden, und daß Deutschland nach Beendigung der wichtigsten Verhandlungen
dazu übergeben wird, seinen Vertragstarif zu,» allgemeinen Tarif zu erklären. —
Inzwischen sind auch die Handelsverträge Deutschlands und Oesterreich-Ungarns
„nt der Schweiz abgeschlossen und veröffentlicht worden. Von unserm Standpunkte
aus bedauern wir, daß bei der schutzzöllnerischeu Strömuug in der schweizerischen
Bevölkerung in diesen Verträge» manche Erhöhungen gegenüber den Sätzen des
jetzigen schweizerischen Zolltarifs haben zugestanden werden müssen.
.Recht unerwartet traf den europäischen Handel die Nachricht von dem
zwischen den Vereinigten Staaten und Brasilien abgeschlossenen, schon am l. April
in Kraft getretenen Handelsverträge, in welchem erstere lediglich die schon im Mac
Kinlev-Tarifgesetze ausgesprochene Zollfreiheit für Zucker. Kaffee und Häute zu
sicherten. Brasilien dagegen für eine große Anzahl wichtiger Einfuhrartikel wenn