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„Dieser neue Zollverein, diese Schöpfung einer gemeinsamen wirtbschaftlicben
Interessensphäre, ist hervorgegangen ano dem Gedanken, das; dem politischen Zu
sammenschlüsse der Staaten Deutschland, Oesterreich und Italien auch der Wirth,
schaftlichc sich anzufügen habe, mit dem Ziele, den Abtausch derjenigen Erzeugnisse
auf weit ausgedehnte Gebiete zu ermöglichen, welche hier in größerer Menge ber-
gestellt als konsumirt. dorr in Folge günstigerer Produktionsverhältnisse billiger
beschafft werden, als anderswo. Dabei ist die Forin tes wirtbschaftlichen Zusammen
schlusses eine derartige, daß sich jedem Staate die Möglichkeit zum Anschlüsse
bietet, und so sehen wir denn auch, daß von dieser Möglichkeit bénits mehrfach
Gebrauch gemacht wurde und wird, rückt ja doch der Zeitpunkt immer näher,
welcher die meisten Handelsverträge zum Ablaufe bringt und die Staaten nöthigt,
auf ihre wirtbschaftliche Zukunft Bedacht zu nehmen und möglichst günstige Be
dingungen für sich zu erreichen. Bon dein Ansgange dieser Bestrebungen bängt
in den Einzelftaatcn das Wohl und Webe der mannigfachen Produktionszweige
wesentlich ab und ivird daher zuinal von der Geschäfts- und Handclswelt den
HandelsvertragS-Berbandlungen init dni einzelnen Staaten selbstverständlich da,-
höchste Interesse entgegengebracht Bereits abgeschlossen und dem Abschlüsse nahe
sind deutscherseits die Verträge mit Oesterreich-Ungarn,, Italien, der Schweiz und
Belgien. Es dürften diesen in Bälde noch andere nachfolgen, sowie solche ver-
schiedener Staaten untereinander. Große Aenderungen brachten die bis jetzt be
kannten neuen Verträge nicht, und doch, oder vielleicht gerade deshalb haben, je
nach ihrem Standpunkte, die Prodnktions- wie Handelskreise ihre Unzufriedenheit
mit denselben erklärt.
„Bei der Verschiedenheit der einschlägigen Interessen wäre es wohl ein Wunder
zu nennen, wenn dies anders wäre. Sandwirthschaft wie Industrie beanspruchen
jedes Schuß für ihre Erzeugnisse; die Industrie batte in Deutschland unter der
Aera der Schutzzölle einen Aufschwung genommen, der ein immer ausgedehnteres
Absatzgebiet verlangt, um ihre volle Arbeitskraft zur Entfaltung bringen zu können.
Herabsetzung der Zndustriezöllc des Auslandes erschien darum als erstrebcns-
werthestes Ziel für die heimische Industrie und in der Anstrebung dieses Zieles
wird die Industrie unterstützt durch den Handel, welcher gleichfalls in niedrigen
Zöllen das beste Wittel erblickt, den Verkehr und damit den Wohlstand zu beben.
Daß diesem Bestreben das entgegengesetzte der anderen auf den Schutz ihrer In
dustrie bedachten Länder entgegenarbeitet, ist erklärlich und selbstverständlich. Um
ihr Ziel zu erreichen, würde die beimische Industrie der eigenen Schutzzölle gerne
entrathen. noch lieber aber die Schutzzölle der Landwirtschaft fallen sehen. Letztere
dagegen ruft energisch nach Schutz und will von einem Aufgeben oder auch nur
von einer Schwächung desselben nichts wissen.
„AIs Ergebniß bleibt die Klage auf der einen Seite, in Herabsetzung der
Zölle zu wenig erreicht zn haben, auf der anderen, die landwirthschaftlichen Interessen
geschädigt zu sehen.
„Die deutsche Industrie hätte wobl bei Herabsetzung der Zolle tre auswärtige
Concurrenz nicht zu fürchten, denn sie steht nicht nur auf der Höhe der Zeit,
sondern nimmt in vielen Zweigen industrieller Thätigkeit eine führende Stellung
ein. Die deutsche Landwirtbschaft dagegen ist im Niedergänge begriffen, aber
weniger unter dem Drucke der auswärtigen Eoncnrrenz, als unter dem 0 influiu
heimischer Verhältnisse, von welchen andcutnngs- und beispielsweise nur erwähnt
werden wollen die überspannten Güterbcwerthungen, die schwierigen (fretitverhältiiisse,