Full text : Urtheile der deutschen Handelskammern über Zollpolitik und Handelsverträge

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tcv  Veränderung  der  bezüglichen  Zollpositionen  in  den  einzelnen  Ländern  verführen ­
  wellen.
„Der  österreichische  Zolltarif  weist  keine  Veränderungen  gegen  früher  auf.
ebensowenig  wie  der  belgische,  indessen  beabsichtigt  man  jetzt  in  Belgien,  den  Zoll
auf  Bijouteriewaaren,  welche  weniger  als  Feingehalt  baden,  von  10  auf
l''pCt.  vom  Werth  zu  erhöhen.  Im  schweizerischen  Zollvertrage  (Tarif-No.  712)
wurde  der  Zoll  auf  Schmucksachcn  von  30  Frank  auf  120  Frank  per  100  kg,  also
um  400p(5t.  erhöbt,  wodurch  die  Praxis  der  großen  schweizerischen  Jmportbäuser,
die  deutschen  Waaren  erst  na»  der  Schweiz  kommen  zu  lasse»  und  dann  weiter
zu  exportiren.  unmöglich  wird  und  daher  unser  deutscher  Export  nach  Italien  und
den  überseeischen  Ländern  außer  in  direkter  Weise  au»  indirekt  leiden  muß.  Den
schwersten  Schlag  erhielt  unsere  Hanptindustrie  aber  dadurch,  daß  bei  Abschluß
des  deutsch-italienischen  Zollvertrages  die  Position  23.',  des  italienischen  General
tarifes  unverändert  blieb,  ohne  daß  der  schweizerisch-italienische  Handelsvertrag,
welcher  uns  s.  Z.  durch  die  Meistbegünstigungsklausel  eine  Zollermäßigung  aus
70  Fr.  gebracht  hatte,  erneuert  wurde;  auf  diese  Weise  wurde  der  Zoll  in  Italien
auf  goldene  Bijouteriewaaren  von  70  Fr.  auf  140  Fr.  das  kg  erhöbt.
„Gleichzeitig  erlauben  wir  uns  aber  »och  den  Wunsch  auszusprechen,  daß
bei  zukünftigen  Zollvertragsverhandlungen  Vertreter  der  verschiedenen  Industrien
hinzugezogen  werten,  wie  dies  in  anderen  Staaten  in  so  wirksamer  Weise  für  das
Gewerbe  geschehen  ist;  hätte  dies  auch  jüngst  in  Deutschland  stattgefunden,  dann
wäre  die  süddeutsche  Industrie  durch  die  neuen  Zollverträge  nicht  so  in  Mitleidenschaft ­
  gezogen  worden,  wie  es  jetzt  der  Fall  ist.  In  dem  letzteren  Umstande  scheint
uns  der  Kernpunkt  der  ganzen  Lache  zu  liegen.  Denn  in  welcher  Weise  sind  die
jüngsten  Handelsverträge  in  Deutschland  abgeschlossen  worden?  Die  Reichsbehördcn
sammelten  ein  Jahr  vor  Abschluß  derselben  die  Wünsche  der  Gewerbetreibenden
bczw.  deren  Vertretungen,  ohne  si»  aber  über  de»  Umfang  der  betreffenden  Industrie ­
  und  deren  Export  »ach  dem  in  Betracht  kommenden  Lande  wohlmöglich
richtig  z»  informiren;  einige  wenige  Unterhändler,  die  doch  sicherlich  keinen  vollständigen
  Neberblick  über  die  gesammte  deutsche  Industrie  haben  können,  führten
dann  die  Verhandlungen  zu  Ende,  ohne  daß  die  Interessenten  jemals  Kenntniß
über  den  Stand  derselben,  oder  Gelegenheit  gehabt  hätten,  sich  über  den  Einfluß
etwa  vorgenommener  Aenderungen  in  den  Positionen  zu  äußern.  Endlich  mußte
der  Reichstag  die  Zollverträge  in  kürzester  Zeit  en  bloc  genehmigen.  Allerdings
wurden  »ach  Zeitungsberichten  während  der  Vertragsverhandlungen  noch  die  Eisenindustriellen
  von  Rheinland  und  Westfalen  gefragt,  denen  gegenüber  sich  die
andere»  Industriezweige  natürlich  zurückgesetzt  fühlten.  Wen»  wir  jetzt  auch  mit
feststehenden  Thatsachen  rechnen  müssen,  so  erziebt  sich  doch  für  die  Zukunft  und
zwar  für  die  allernächste,  da  in  derselben  der  Abschluß  verschiedener  Handels-Verträge
  noch  bevorsteht,  die  dringende  Forderung,  eine  Vertretung  der  verschiedenen
Exportindustrien  zu  schaffen,  welche  bei  den  Vertragsverhandlungen  die  Interessen
ihrer  bezügliche»  Gruppen  zu  vertreten  hätten.  Eine  solche  Vertretung,  wie  sie  in
Oesterreich-Ungarn  bereits  in  dem  Zollbeirath"  organisirt  ist  und  kürzlich  ohne
besondere  Organisation  auch  in  der  Schweiz  thätig  war.  dürfte  bei  Zollangelegenheiten
  die  beste  Berathen»  der  Reichsbehörden  sein.  Inwieweit  eine  Decentralisation ­
  dieser  Vertretung  nach  Industriezweigen  oder  Reichsgebieten  einzurichten
wäre  und  in  welcher  Weise  Institute,  wie  der  jetzt  in  Baden  projeeti.te  ..Gewerbe-?"

            
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