24
Hierzu wurde von der Gesellschaft die Zarskoje Selobahn, eine der
wenigen älteren Bahnen, die nie im Besitze des Staates war, angekauft,
und über die Schnittpunkte der beiden Parallelbahnen, Dno und Nowo
Sokolniki, nach Witebsk, einer der weißrussischen Provinzhauptstädte
weitergeführt. Die ganze Strecke wurde in den Jahren 1901 und 1904
eröffnet. Die Fortsetzung nach Süden zum Dnjepr, über Mohilew nach
Shlobin (1902 eröffnet), behielt sich der Staat vor, der sicherlich auch
auf den Ankauf der für seine Zwecke wichtigen Strecke Petersburg—
Witebsk in nicht ferner Zeit rechnet 1 ). Auch der Staat blieb ja in
dieser Zeit nicht ganz untätig, wie der Bau der vielbesprochenen, in das
Gebiet der Rybinsker Bahngesellschaft eingreifenden, wirtschaftlich
nicht sehr bedeutenden, aber strategisch wichtigen, (1906/07 eröffneten)
Linie Bologoje—Newel—Polotzk—Lida—Bagrationowskaja— Sjedlez be
weist.
Von den in Polen und den Nachbarprovinzen entstandenen Bahnen
hatten die meisten nur lokale Bedeutung. Auch der Militärfiskus be
teiligte sich abermals am Bahnbau mit der Linie Kowel—Wladimir
Wolynski (1908), die noch heute in seinem Besitz ist. Nach langer
Pause nahm auch die Warschau-Wiener Gesellschaft wieder Anteil an
Neubauten, und zwar mit der für den schlesischen und mitteldeutschen
Verkehr wichtigen Linie Warschau—Lowitsch—Lods—Kalisch (1903)—
Skalmierzyce (1906), von der noch unten die Rede sein wird 1 2 ). Den
großen Umweg aus Polen nach Kiew über Kasatin beseitigte die wirt
schaftlich und strategisch bemerkenswerte Linie Kowel—Sarny—Kiew
(1902), womit zugleich auch die Anschließung des vernachlässigten nörd
lichen Wolynien an das Verkehrsnetz ermöglicht wurde. Von ähnlicher
Wichtigkeit wurde die von der Moskau-Kiew-Woroneshbahn gebaute
südöstliche Fortsetzung nach Poltawa (1901), weniger das staatliche
Schlußstück bis Losowaja an der Südbahn. Auch im Dnjepreisen-
gebiet und im Donezkohlendistrikt entstanden neue Staatsbahnen mit
verhältnismäßig lokaler Bedeutung. Im Jahre 1907 erhielt auch endlich
die Provinzhauptstadt Cherson ihre erste Eisenbahn. Auffallend still
war dagegen die Wirksamkeit der großen Privatbahngesellschaften des
Ostens. Die Südostbahngesellschaft hat seit 1901, seit der Vollendung
der winzigen Lokalstrecke Grafskaja—Ramon, keine Werst fertiggestellt.
Auch die Rjäsan-Uralsker Bahn begnügte sich mit der Vollendung der
zwar langen, aber nicht bedeutenden Strecke Krasnij Kut—Busan
(1907)—Astrachan (1909) und blieb so ihrer Aufgabe, abgelegene Gegen
den zu durchschienen, treu. Die Kasaner Bahn verband Nischni mit
Arsamas und Timirjasewo, und somit mit Kasan, eine Strecke, die
1 ) Man denke an die Fortsetzung der Linie von Shlobin nach Kiew und
Odessa, wodurch die denkbar kürzeste Verbindung von St, Petersburg zum Pontus
geschaffen wird, vgl. 8. 70.
2 ) Vgl. S. 57.