fullscreen : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die Folgen des Ackerbaues, seine Stufen. Die Metallwerkzeuge. 201

dienen. Gedüngt wird ursprünglich nur durch den Viehgang oder durch Üüberschwemmung,
wo Bewässerungsanlagen sind. Später wächst dann das Ackerland auf Kosten des
Waldes und der Weide, aber die Einteilung des Ackerlandes in zwei oder drei Felder
neben der Weide erhält sich in alter Weise. Das waren und blieben die vorherrschenden
süd- und mitteleuropäischen Betriebsformen der Landwirtschaft, die erst im 18. und
19. Jahrhundert den verbesserten, noch intensiveren wichen, auf die wir unten kommen.
Wir haben damit weit vorgegriffen. Aber es entsprach das auch der so wichtigen
geschichtlichen Thatsache, daß der Ausbildung des Ackerbaues, wie sie nach der Vieh—
zähmung und der Pfluganwendung Jahrtausende vor Christi Geburt in Vorderasien gelang,
wohl bis in unser Jahrhundert viele kleine Verbesserungen, aber keine sie von Grund
aus ändernde technische Neuerung folgte, keine, welche die ganze Ernährung der Mensch—
heit wesentlich erleichtert, die Produktion sehr vermehrt hätte. Konnte doch Ed. Hahn
deshalb noch neuerdings diese ältesten Fortschritte des Landbaues verherrlichend sagen:
„Wenn wir das Jahr in vier Jahreszeiten und zwölf Monate teilen, wenn wir das
Land pflügen und das Getreide hineinsäen, wenn wir Mehl mahlen und das Brot im
Ofen backen, wenn wir Milch und Wein trinken (wahrscheinlich gehört auch das Bier
dazu) und Butter und Ol essen, so thun wir genau, was wir unsere geistigen Vorfahren
im Unterlauf des Tigris und Euphrat thun sehen, wenn das erste blasse Dämmerlicht
der Geschichte etwa 4000 v. Chr. auf sie fällt. Alles was wir hinzugefügt haben, betrifft
doch nur das Ornament, die Grundlagen sind dieselben geblieben.“ Es mag dies über—
trieben klingen, und ist es auch in gewissem Sinne; es ist nur für die Ernährung
wahr. Es ist dabei von den Fortschritten, welche die Metalltechnik brachte, sowie von
den großen Verbesserungen seither im Verkehr und in den Gewerben ganz abgesehen.
81. Die Waffen und Werkzeuge aus Metall sind jünger als Viehzucht
und Ackerbau. Pflug und Wagen, Kahn und Gestell des Zeltes und der Hütte, Stiel
und Schaft der Steinwerkzeuge war sehr lange nur von Holz. Und auch wo die
Metallbearbeitung begann oder Metallwerkzeuge und -Schmuckstücke eindrangen, waren
sie lange so selten und teuer, daß die Holz⸗e, Stein- und Knochentechnik sich nicht viel
änderte. Noch heute giebt es Gegenden in Europa, die fast nur Holzverwendung kennen:
in der Herzegowina z. B. trafen die Hsterreicher 1878 Wagen ohne jeden Metallzusatz.
Immer wollen wir nicht verschweigen, daß der Ackerbau, wie er seit den Assyrern
und Agyptern bestand, und wie wir ihn eben betrachteten, von einer gewissen Metall—
technik meist schon gefördert war. Wenn wir jetzt diese besprechen, schildern wir nicht
etwa eine Epoche, welche dem Ackerbau folgte, sondern eine Entwickelung, die mit seinen
Anfängen beginnt und ihn begleitet und gefördert hat.
Mit Holz, Knochen und Stein haben gewiß einzelne Völker nicht Unbedeutendes
geleistet; aber die Metalltechnik bedeutet doch, wo sie zur vollen Geltung kommt, einen
ungeheuren Fortschritt, ähnlich dem Fortschritt der Feuerverwendung; man hat sie nicht
mit Unrecht dem heutigen Maschinenfortschritt gleichgestellt. Beck sagt: erst die Metall—
werkzeuge sicherten die überlegene Herrschaft der Menschen auf Erden. Morgan meint:
die Eisenproduktion ist der Wendepunkt aller Wendepunkte in der menschlichen Erfahrung;
nichts kommt ihm gleich. Schon für die älteste Überlieferung der antiken Völker ist
das Bekanntwerden der Metalle ein ungeheures, auf Götter oder Weltbrände zurück—
geführtes Ereignis.
Von den Metallen wurde wahrscheinlich zuerst das Gold gefunden und gebraucht;
es findet sich in gediegenem Zustand an der Oberfläche und lockt durch seine Farbe;
aber es hat zuerst, wie später, wohl nur zum Schmucke gedient. Es war zu Werkzeugen
zu weich und zu selten. Silber gehört einer viel späteren Zeit an; es wird nicht als
reines Metall gefunden, ist nur aus seinen Erzen herzustellen. Kupfer kommt da und
dort gediegen vor; es kann ohne Schmelzprozeß verarbeitet, gehämmert werden und
hat so bei einzelnen Stämmen, z. B. bei amerikanischen, wahrscheinlich auch bei den
ungetrennten Indogermanen, die Rolle des ersten Metalls gespielt. Viel wichtiger aber
wurde das Eisen und die Legierung von Kupfer und Zinn, die echte oder antike Bronze.
            
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