Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

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I.  Buch.  Production  und  Consumtiou.

daß  die  Gesetzgebungeil  verschiedener  Staaten  neuerdings  in  wirksamer  und
energischer  Weise  gegen  die  Trunksucht  vorgegangen  sind  und  sich  im  allgemeinen
auch  von  den  zwei  Klippen,  welche  auf  diesem  Gebiete  zu  vermeiden  find,
sowohl  von  einer  übertriebenen  Achtung  vor  der  Unabhängigkeit  des  Einzelnen,
welche  selbst  die  Freiheit  des  Lasters  gewissermaßen  heilig  hält,  als  auch  von  einer
selbst  den  erlaubten  Genuß  belästigenden  Einmischung  und  einein  inquisitorischen
Eingreifen  in  die  häuslichen  Verhältnisse,  frei  gehalten  haben.  Es  sind  besonders
drei  Staaten,  deren  Gesetzgebung  sich  in  unserer  Zeit  die  systematische  Bekämpfung ­
  dieses  Uebels  zur  Aufgabe  gesetzt  und  weit  gehende,  gewissermaßen
typische  Maßregeln  gegen  dasselbe  ergriffen  hat.  Zunächst  ist  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  der  Kampf  gegen  das  dort  in  ganz  unglaublichem  Umfange
grassirende  Uebel 1  seit  dem  Anfang  dieses  Jahrhunderts  mit  verschiedenen

z.  B.  irrthümlich,  wenn  man  sagen  wollte,  daß  im  Jahre  1890  in  Großbritannien
und  Irland  fast  140  Millionen  Pfund  Sterling,  d.  h.  ungefähr  ein  Zwölftel  des
Nationaleinkommens,  für  geistige  Getränke  ganz  nutzlos  ausgegeben  worden  seien.  Man
muß  sich  denn  doch  gegenwärtig  halten,  daß  ungefähr  ein  Viertel  dieser  gewaltigen
Summe  auf  Rechnung  der  durch  die  Steuer  auf  die  Erzeugung  und  den  Verkauf  der
gebrannten  geistigen  Getränke  hervorgerufenen  Preiserhöhung  zu  setzen  und  dergestalt
zum  Aufwand  für  die  Erhaltung  der  öffentlichen  Ordnung  und  für  die  Förderung  des
Gesamtwohls  zu  rechnen  ist.  Von  den  übrigen  drei  Vierteln  dieser  140  Millionen
wurde  vermuthlich  die  Hälfte  zur  Ernährung  und  Stärkung  des  Körpers  oder  zu  erlaubtem ­
  Genuß  und  heiterer  Geselligkeit  verwendet,  so  daß  nur  die  allerdings  noch
überaus  große  Summe  von  ungefähr  50  Millionen  Pfund  Sterling  dazu  diente,  Geist
und  Körper  durch  übermäßiges  Trinken  verderblich  zu  schwächen.  —  Auch  muß  man
sich  hüten,  den  größern  Theil  des  in  der  menschlichen  Gesellschaft  herrschenden  Elends,
der  so  weit  verbreiteten  Unsittlichkeit  und  der  Verbrechen  von  dem  übermäßigen  Trinken
herzuleiten  und  demgemäß  von  der  Mäßigkeit  oder  der  gänzlichen  Enthaltung  von
geistigen  Getränken  zu  viel  zu  erwarten.  Es  können  bei  einem  Volke,  das  sich  deS
Genusses  geistiger  Getränke  gänzlich  oder  fast  vollständig  enthält,  die  größten  Laster
verbreitet  sein,  wie  das  z.  B.  bei  den  Arabern  Nvrdafrikas  und  der  mohammedanischen
Bevölkerung  des  türkischen  Reiches  der  Fall  ist.  Auch  ist  es  unbestreitbar,  daß  die
Trunksucht  in  gewissen  Fällen  nicht  die  Ursache,  sondern  geradezu  die  Folge  anderer
Laster  oder  schändlicher  Verbrechen  ist.  Die  Schuldigen  suchen  nur  zu  häufig  bei  der
Flasche  Trost  und  Vergessen.
1  Es  klingt  fast  unglaublich,  wenn  man  vernimmt,  daß  nach  amtlichen  Zusammenstellungen ­
  im  Jahre  1869  in  den  gesamten  Vereinigten  Staaten  für  Mehl,  Baumwoll-
  und  Wollwaren,  für  Schuhwcrk,  sonstige  Kleidungsstücke  und  Drucksachen  zusammen
  705000  000  Dollars,  für  Branntwein,  Wein  und  Bier  hingegen  1487  000000
Dollars  ausgegeben  wurden,  und  wenn  man  weiter  liest,  daß  es  laut  der  im  Jahre  1883
vom  Chef  des  statistischen  Bureaus  der  Union  publicirten  Zusammenstellung  unter
einer  Bevölkerung  zwischen  50  000  000  und  60  000  000  Menschen,  die  zudem  theilweise
auf  den  einsamen  Farmhöfen  des  Westens  Hausen,  ca.  200  000  concessionirte  Verkäufer
Don  Spirituosen  gab.  In  der  Stadt  Toledo  (Ohio)  gab  es  1886  bei  einer  Bevölkerung ­
  von  90  000  Einwohnern  800  Schanklocale.
            
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