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Er war auch ein wahrhaftig frommer Mann, wie er ganz ein tapferer
und redlicher Mann war, aber selbst in ernsten Gesprächen führte er
Gott selten im Munde, niemals im Maule. Nichts war von ihm ver—
haßter als Maulchristen, ja selbst Mundchristen wurden ihm leicht ver—
dächtig als Gleisner und Scheinheilige. Er nannte sich einen frommen
Christen, und er war es; er pries sich auch darin glücklich, daß er durch
seine Eltern ein Lutheraner war. Seine Ahnen hatten im Dreißigjährigen
Kriege genug für ihren Doktor Martin gelitten und waren von Schlössern
und Guͤtern verjagt und im Jahr 1650 wieder hergestellt worden. Er
pflegte so in seiner kurzen Weise zu sagen: „Doktor Luther hat uns den
Weg und Eintritt in den Himmel gottlob etwas kürzer gemacht, da er
die vielen Hofmarschälle, Zeremonienmeister und Tuͤrhüter des Himmels—
palastes weggeschafft hat. Sie wissen, ich liebe das Kurze, wenn der
Weg auch oft etwas abschüssig und gefährlich ist.“ — Er glaubte das
Erlbsungswerk des Lutherschen Katechismus, aber die Mundchristen
mochte er nicht, welche den Namen Heiland und Erlöser leicht im
Munde führen; schwer und ernst führte er ihn auch bei Gelegenheit im
Munde. „Das ist ein Geheimnis, wobei einem verworrener wird, je
mehr man darüber schwatzt und klügelt; vor einem Geheimnis steh' ich
ttill, daran glaube ich, aber von Gott weiß und fühle ich was.“ Gott
und nur Gott war immer nur sein einfaches Wort. J
Ich habe Stein im Hause und in der Familie nicht beten gesehen;
wenn man zuweilen in der Frühe in sein Stadiolo kam, wo unter den
weltlichen Büchern etwa die Bibel, ein Gesangbuch usw. aufgeschlagen
lag, flugs machte er es zu und legte es weg. Er haßte und verachtete
in allen Dingen den Schein, wie vielmehr den Schein des Scheins.
Rührend und wahrhaft erbaulich ist mir der Mann gewesen, als
ihm sein Gemahl heimgegangen war, und er da unter seinen Töchtern
einsam saß mit dem Gefühl, daß er nun allein ihr irdischer und himm—
lischer Führer und Wegweiser durchs Leben sein solle, wie er da mild und
freundlich und still wie ein Kind von himmlischen Dingen zuweilen ein Wört—
chen mit ihnen sprach und seine gewaltige Natur bändigte und sänftigte.
Ja, er sah und glaubte Gott in allem, und wenn das erste Un—
gestüm seines Herzens gestillt war, dann ergab, besänftigte und er—
heiterte er sich. Es ist gewiß, dieser sehr ernst und stark geborene
Mensch hat wie sein großer Schulmeister Doktor Martin Luther wohl
von Jugend auf Gott als einen Gewaltigen und Gottes Geschicke als
gewaltige Dinge gefühlt. Ich sage: das ist gewiß, denn er hat mir
hundertmal die augenscheinlichen und handgreiflichen Zeichen davon ge—
geben. Wann wir auf unsern Spaziergängen einem armen, gebückten
Alten, einem unglücklichen Krüppel oder irgend einem jämmerlichen
Bettler begegneten, der nach dem gnädigen Freiherrn die Hände aus—
streckte, so holte dieser Freiherr, der für solche Fälle fast immer etwas