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IV. Buch. Nachträge.
des wirtschaftlichen Liberalismus gegen die Arbeiterschutzgesetzgebung auftraten,
gegen die letzten wohlthätigen Einschränkungen der wirtschaftlichen Freiheit,
die noch aus früherer Zeit bestanden, ankämpften und an dem Elende, in
welches weite Schichten des Arbeiterstandes infolge der zügellosen Freiheit des
Wettbewerbes gestürzt wurden, als an den Zuständen eines angeblich un
vermeidlichen Uebergangsstadiums achselzuckend vorübergingen.
Die Verheerungen, welche durch die Anwendung der Maximen des wirt
schaftlichen Liberalismus im staatlichen Leben angerichtet wurden, steigerten
sich zu einem solchen Umfang, daß sich eine gewaltige Reaction gegen dieses
System erhob, welche allmählich in den verschiedenen Staaten zu einer mehr
oder minder entschiedenen Aenderung der von der Gesetzgebung eingeschlagenen
Richtung führte; von dieser Aenderung aber legen namentlich die im 10. Kapitel
des III. Buches besprochenen Arbeiterschutzgesetze der meisten europäischen Groß
staaten beredtes Zeugniß ab. Es waren so manche Ursachen, welche zu diesem
Resultate zusammenwirkten, und zwar solche sehr ungleichen Charakters.
Wir erwähnen hier die folgenden: 1. das durch die amtlichen Erhebungen,
wie jene der in den vierziger und den sechziger Jahren in England bestellten
königlichen Commissionen zur Erforschung der Kinderarbeitsverhältnisse, wach
gerufene Erbarmen und Entsetzen über die bestehenden, überaus großen Miß
stände; 2. das Erstarken des Nationalgefühls, welches sich im Gegensatze zu
den früher herrschenden kosmopolitischen Ideen immer mehr Bahn brach;
3. das Anwachsen der socialistischen Strömung, das zu Tage trat, sobald
es sich zeigte, daß der Triumph der industrie- und handeltreibenden Klaffen
und überhaupt der sogen. Bourgeoisie, d. h. der zu Reichthum und Macht
gelangten Theile des Bürger- und des Gelehrtenstandes, über den Landadel
und die Geburtsaristokratie an sich noch keinen Sieg der ärmern Bevölkerungs-
schichten bedeute; 4. die Verbreitung richtiger historischer Kenntnisse, und 5. das
unverkennbare Neuaufleben des religiösen Geistes, welches sich in sämtlichen
europäischen Staaten geltend machte.
So wurde denn in England etwa um das Jahr 1870, in Deutschland
und Oesterreich etwas später, noch später in Frankreich und endlich auch in
Italien die Herrschaft des ökonomischen Liberalismus gebrochen. Seit dieser
Zeit herrscht auf dem Gebiete der Wirtschaftswissenschaft sozusagen Anarchie.
Es kreuzen sich die verschiedensten Strömungen. Immerhin kann man vier
große Gruppen unterscheiden (von denen freilich eine jede wieder in verschiedene
llnterabtheilungen zerfällt) : die modern-liberale, die socialistische, die historische
und die ethische Schule.
Die ersten Vertreter und Anhänger dieser Schulen haben zwar schon
lange vor den soeben bezeichneten Zeitpunkten ihre Stimme erhoben, aber die
bedeutende Ausbreitung dieser Richtungen ist jedenfalls neuern Datums.