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Der Verfall der Ämter im 17. Jahrh. u. die Reformhestrebungen.
6. Der Verfall der Ämter im siebzehnten Jahrhundert
und die Reformbestrebungen.
Zahl der Ämter in Riga, Reval und Dorpat. — Charakteristik der Ver
fassung im Handwerke der Leineweber. — Die Reformbestrebungen von 1661. —
Die schwedische Gewerbeordnung von 1669.
Nach den angreifenden und aufregenden Kämpfen des sechs
zehnten Jahrhunderts folgt eine friedlichere Epoche. Leider aber
wird diese von den Handwerkern nicht nützlich angewandt zur
Reform etwaig bemerklich gewordener Mängel, sondern immer
krasser und deutlicher offenbarte sich die Selbstsucht, die dahin
strebte den Betrieb eines Gewerbes für Mitglieder der Ämter aus
schliesslich vorzubehalten, den Zutritt zu diesen Ämtern aber ausser
ordentlich erschwerte. Leider ist man über die wirthschaftlichen
Zustände während des siebzehnten Jahrhunderts so gut wie gar
nicht unterrichtet. Sowohl die Nyenstädtsche Chronik, die freilich
nur bis 1609 reicht und die neu erschlossene Hodeckersche Chronik,
die den Zeitraum von 1593 bis 1638 umfasst, sind in dieser Hinsicht
ausserordentlich dürftig und beschränken sich auf die Hervorhebung
der mehr oder weniger wichtigen politischen Ereignisse. Sicher
scheint soviel zu sein, dass nach dem vierundzwanzigjährigen Ver
nichtungskriege, der in Livland von 1558—1582 wüthete und mit
einem neuen Verfassungsgesetze endete, eine blühende Gegend lO
eine Wüstenei verwandelt worden war. Die Wälder waren theil-
weise vernichtet, ohne dass man daran dachte das gewonnene Land
unter den Pflug zu bringen, aus Wiesen waren Moräste, aus Eelderu
öde Haidestrecken geworden. Eine Hungers noth hatte die unglück
liche Provinz im Jahre 1602 heimgesucht und ihr schreckliche
Wunden geschlagen. Nach den über sie erhaltenen Schilderungen
muss in der That das Elend ein weitreichendes und einschneidendes,
dessen Folgen nur langsam sich verwischen Hessen, gewesen sein*
Im Jahre 1613 lagen, wie die Kirchenvisitationsprotokolle aus-
weisen, fast alle Kirchen verfallen und unbrauchbar da, waren die
Pfarren unbesetzt. Von 22 Kirchen im Stifte l)or|)at waren 7 noch
brauchbar. Fellin hatte von 6(X) Bauern 20 übrig, Nitau von
nur 40; in Arrol und Wollust (jetzt Heiligensee) stand Wald
I Vergl. Nyenstädts Chronik, S. 112 114; Rodeckers Chronik ed. Napiorskyi
S. 8—13; Schicker, a. a. O.