Full text: Geschichte des Zentralverbandes der Stickerei-Industrie der Ostschweiz und des Vorarlbergs und ihre wirthschafts- und sozialpolitischen Ergebnisse

durch beit gegenseitigen Verkehr in einer und derselben Berufs 
organisation Jahr für Jahr das Verständniß der Arbeitgeber- 
für die sozialen Bedürfnisse der Arbeitnehmer wuchs, wie da 
durch scheinbar Unmögliches möglich wurde, und wie umge 
kehrt und gleichsam daran sich aufrankend bei den Arbeit 
nehmern das Verständniß und die Erkenntniß für jene Punkte 
zu Fleisch und Blut geworden sind, an welchen die Arbeit 
geber nicht durften rütteln lassen, und wie diese Erkenntniß 
jene seltene Selbstdisziplin großzog, welche die Arbeitnehmer 
mehr als einmal auf an sich berechtigte Forderungen zum 
Wöhle des Ganzen verzichten ließ. Man macht sich keiner 
Uebertreibung schuldig mit der Behauptung, daß manche der 
heutigen Errungenschaften von den Arbeitgebern nie wären 
zugestanden worden, wenn man sich nicht im gegenseitigen 
Verkehre näher getreten wäre, und daß anderseits ohne das 
Gleiche die Arbeitnehmer manche ihrer Forderungen nicht in 
dein Maße reduzirt hätten, wie es thatsächlich geschah. Die 
im gegenseitigen Verkehre und in gemeinsamer Arbeit aufge 
wachsene Toleranz unter den verschiedenen Erwerbsklassen dieser 
Industrie erhielt dadurch gesunde Nahrung, daß jede derselben 
au sich die Erfahrung machte, irren zu können und geirrt 
zu haben. Jede hat sich im einen und andern Falle des 
Irrthums schuldig gemacht und ist durch die Macht der Ver 
hältnisse eines Besseren belehrt worden. Das hat sie vor 
jener Selbstüberhebung, vor jenem rechthaberischen, rauflustigen 
Dünkèl bewahrt, die einseitige Klassenorganisationen so unvor- 
theilhaft auszeichnen und schon so manche gemeinschädliche und 
unheilvolle Konflikte heraufbeschworen. Die Worte Leo XIII. 
an eine französische Arbeiterdeputation im Jahre 1889 haben 
in der Geschichte des Stickereiverbaudes ihre vollinhaltliche 
Bestätigung gefunden, wonach man die Lösung der sozialen 
Frage nicht in der Absonderung zwischen Arbeitgebern und 
Arbeitnehmern, nicht in ausschließlichen Klassenvrganisativnen 
zu suchen habe, sondern in engerer gegenseitiger Fühlung, welche
	        
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