Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

172 Erstes Buch. Land, Leute und Technik. 
verdankt seine höhere Kultur nur den Völkern, die es zu größeren Volkszahlen gebracht 
haben. Aber so unzweifelhaft diese Wahrheit ist, so klar ist auch, daß alle Zunahne 
von schwer zu erfüllenden Bedingungen abhängt, daß die Kämpfe der Stämme und 
Völker untereinander und mit der Natur, die Schwierigkeit, größere Volkszahlen zu 
ernähren, über Krankheiten und Mißjahre Herr zu werden, immer wieder hemmend 
dazwischen getreten sind, daß ebenso viele oder mehr Rassen, Stämme und Völker zurück— 
gegangen sind oder vernichtet wurden als vorwärts kamen. 
Dem entsprechend sehen wir die Völker und ihre Wünsche und Ansichten über die 
Zunahme, ihre diesbezüglichen gesellschaftlichen und geschlechtlichen Einrichtungen, in den 
letzten Jahrhunderten ihre Theorie über das Bevölkerungsproblem merkwürdig schwanken. 
Wir werden diese Schwankungen am besten verstehen, wenn wir sie nicht in ihrer 
chronologischen Folge vorführen, sondern gegliedert nach den drei möglichen Zielen, 
welche die Völker verfolgten, seit sie den engen Zusammenhang zwischen der Bevölkerungs— 
zahl und der Ernährungsmöglichkeit, wie er im Boden und den gesamten wirtschaftlichen 
Verhältnissen liegt, instinktiv oder verstandesmäßig begriffen hatten; auch die sogenannten 
Bevölkerungstheorien erhalten so am besten ihr Licht und ihre Stelle. 
Die Völker konnten 1. pessimistisch und unter dem Drucke ungünstiger Verhältnisse 
sich darauf verlassen, daß Krankheit, Kriege, Unglücksfälle aller Art den Überschuß an 
Menschen beseitigen werden, und sie konnten, wenn dies nicht genügte, direkt verfuchen, 
durch absichtliche Hemmung ihre Zahl zu beschränken. Sie konnten 2. im Gefühle ihrer 
Kraft sich ausdehnen, ihre Grenzen hinausschieben, fremde Länder unterwerfen, durch 
Wanderung, Eroberung, Kolonisierung, Auswanderung sich Luft schaffen. Sie konnten 
3. aber auch den jedenfalls von einem gewissen Punkte an schwierigsten Weg betreten 
und die einheimische Bevölkerung verdichten, was in der Regel große technische und 
wirtschaftliche, sittliche und rechtliche Fortschritte vorausjfetzte. 
Wir betrachten zunächst die unwillkürlichen und die willkürlichen Hemmungen. 
Die ersteren waren offenbar viele Jahrtausende lang so stark, daß die Empfindung 
eines zu schnellen Bevölkerungszuwachses in den primitiven Zeiten nur ausnahmsweise 
eintreten konnte. Am unzweifelhaftesten gilt dies für die Jäger-, Fischer- und alle 
wandernden Völker, deren Nahrung unsicher und ungleich ist, deren Krankheiten nicht 
aufhören, die, vom Aberglauben beherrscht, mit kümmerlicher Technik schutzlos den 
Elementen und allen Feinden preisgegeben sind. Aber auch die Hirten- und primitiven 
Ackerbauvölker find lange immer wieder von Hunger und Krankheiten furchtbar bedroht, 
wenn auch bei ihnen durch Gunst der Jahre und der geographisfchen Lage zeitweise die 
Stabilität umschlägt in starke Zunahme; das geschah besonders, wenn große technische 
Fortschritte, wie die Viehzähmung und die Milchnahrung, ein besserer Ackerbau das 
Leben erleichterte, wenn mal die Kämpfe mit den Nachbarn ruhten, durch glückliche 
Zufälle die gewohnten Krankheiten ausblieben. Aber häufig kehrten auch bei ihnen die 
gewaltigen Decimierungen natürlicher Art wieder, so daß dann die Geburten nur die 
— 
Wir haben die Beweise hiefür erst durch die Reiseberichte der letzten hundert Jahre 
in Bezug auf die wilden und kulturarmen Rassen näher kennen gelernt. Und in Bezug 
auf die Kulturvölker hat die neuere Geschichte der Medizin uns gezeigt, daß bis übers 
Mittelalter hinaus auch ihre Sterblichkeit eine enorme, die Kindersterblichkeit in Genf 
z. B. im 16. Jahrhundert mehr als die doppelte von heute war. Ebenso wichtig wie 
die gewöhnliche war die zeitweise außerordentliche Sterblichkeit. Von 531 n. Chr. an 
haben 50 Jahre lang Erdbeben und furchtbare Krankheiten ganze Städte und Länder 
fast entleert; am schwarzen Tod 134550 läßt Hecker 25 Mill. Menschen in Europa 
sterben; vielleicht waren es nur 82512 Mill., aber sicher ist, daß man bis Anfang des 
18. Jahrhunderts überall erstaunt war, wenn nicht alle 10—20 Jahre „ein groß 
Sterbede“ kam und aufräumte. Nach Macculloch starben in London 1693 24, 1628 
31, 1036 13, 1665 450/0 der Volkszahl. In solchen Fällen kötete nicht bloß die 
Krankheit — Aussatz, Pest, Pocken ꝛc. —, sondern ebenso die Stockung alles Verkehrs 
und die Hungersnoi. Der Schmutz in Wohnungen und Straßen, die Schlechtigkeit
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.