Full text: Zur Erneuerung des deutschen Bankgesetzes

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zu verhindernder stärkerer Goldverlust Deutschlands kann also gleich 
falls nicht die Ursache der höheren deutschen Diskontsätze sein. Wären 
die Veränderungen des nationalen Goldbestandes maßgebend für den 
Diskontsatz gewesen, bann müßte in den drei letzten Jahren Frankreich 
die höheren Sätze aufweisen. 
Zn dem gleichen Schluß, daß der Unterschied des deutschen und 
französischen Diskontsatzes nicht in der Anwendung und Nicht- 
anwendung der Prämienpolitik begründet sein sann, führt die That 
sache, daß die Größe dieses Unterschiedes, wie sie in den letzten 
Jahren in Erscheinung trat, lediglich eine besondere Erscheinung dieser 
letzten Jahre ist. Während der Unterschied zwischen dem französischen 
und dem deutschen Diskontsatz iti den 17 Jahren 1881 bis 1897 
nur 0,6 °/o betrug, ist die Differenz seit 1895 bis auf l 3 /4 °/o 
gestiegen. 
Die geringe Differenz der längeren Periode findet ihre hin 
reichende Erklärung in den: größeren Geld- und Kapitalreichtum 
Frankreichs und in der weit stärkeren wirtschaftlichen Entwickelung 
Deutschlands in den letzten Jahrzehnten. Der größere Geld- und 
Kapitalreichtum Frankreichs beruht aus geschichtlich gewordenen Ver 
hältnissen wirtschaftlicher und socialer Natur; aus ihm ergiebt sich 
ein niedrigeres Zinsniveau nicht nnr für kurzfristige Darlehen, sondern 
auch für langfristige, wie Hypotheken und öffentliche Anleihen. — 
Die stärkere Diskontdifferenz der letzten Jahre sann, eben weil 
sie eine besondere Erscheinung dieser Jahre ist, nicht auf dauernden 
Ursachen, nicht auf principiellen Verschiedenheiten der Vankpolitik 
beruhen, sondern muß in den besonderen Verhältnissen dieser Jahre 
begründet sein. 
Wir haben nun in Deutschland seit etwa drei Jahren einen 
gewaltigen Aufschwung der Industrie und des Handels zu verzeichnen, 
eine Hochkonjunktur, wie sie seit dem Beginn der siebenziger Jahre 
nicht mehr gesehen wurde. Von der elektrischen Industrie ausgehend 
hat sich die Belebung des Unternehmungsgeistes alsbald auf die 
gesamte Montanindustrie übertrageu, und sie hat allmählich das 
gesamte deutsche Gewerbe mit sich gezogen. Jede wirtschaftliche 
Aufwärtsbewegung stellt vermehrte Ansprüche an die Cirkulations 
mittel, und zwar zumeist so plötzlich und in solchem Umfang, daß 
die Vermehrung des Metallgeldbestandes nicht schnell und nicht aus- 
giebig genug erfolgen kann, mit eine Anspannung der Diskontsätze 
zu verhindern, und zwar gilt dies für jedes auf einer metallischen 
Basis beruhende Geldsystem, sowohl für die Goldwährung als auch
	        
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