44 Die sozialen"Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
etwa des näselnden Tones, der Kopfbewegung oder der Gangart, die sich
bis zur sklavischen Kopie steigern kann. Damit hat der Betrachter aber
nur einen Zipfel vom Gewande erwischt. Es wäre nämlich verfehlt, als
Ursache dieses Verhaltens eine Absicht anzunehmen, die sich auf die
Nachahmung solcher Einzelheiten richtet. Das ist schon ausgeschlossen
durch die bereits oben erwähnte häufige Unbewußtheit der Nachahmung.
Verfehlt wäre es auch, als Motiv die Furcht vor der Lächerlichkeit an-
zunehmen, die aus der Unterlassung der Nachahmung entstehen könnte,
oder den Wunsch, in den Augen des Zuschauers von dem Nimbus, den
das Ganze für diesen besigt, durch äußere Angleichung einen Teil für sich
zu gewinnen. Soweit solche Motive wirklich vorhanden sind, gehören
sie in einen andern Zusammenhang hinein. ($ 12.) Vielmehr ist der
Sinn des Verhaltens viel innerlicher. Die meisten Leser werden
sich selber, besonders aus ihrer Jugendzeit, derartiger Fälle entsinnen
können. Wo man einen Menschen in voller Stärke verehrt, nimmt man
ihn innerlich in sich auf und fühlt sich in gelegentlicher starker Aktuali-
sierung der Verehrung fast eins mit ihm. In starken Fällen kann man
dem Zuschauer den Eindruck machen, als identifiziere man sich wirklich
bei solcher Aktualisierung mit der verehrten Persönlichkeit. Jedenfalls
kann man sagen: wer einen Menschen verehrt, macht ihn sich zu eigen,
nimmt ihn in sich auf, erhebt sich in seinem Inneren selber zu seiner
Größe und eignet sich damit seinen Wert an. . Das ist der eigentliche Sinn
dieser Nachahmung.
Jean Paul beschreibt diesen Zustand einmal im Hesperus (14. Hundsposttag)
mit den Worten: „Viktor fühlte heute zum ersten Male die Vergrößerung und Ver-
klärung seines Ichs vor einem Geiste, der ihm ähnlich, aber überlegen, gleich einem
sphärischen Hohlspiegel alle Züge seines edleren Teiles kolossalisch zurückwarf. Der
ganze pöbelhafte Teil‘ seiner Natur verkroch sich, als der höhere sich ...... über
die liegenden Triebe aufrichtete.“ Eindringlicher, nämlich mehr zergliedernd, be-
schreibt denselben Sachverhalt Otto Ludwig in seiner Erzählung „Zwischen Himmel
und Erde“ an einer Stelle, die sich auf Frig Nettmaier, seine Frau und seinen
Bruder bezieht: „Er sah die Haare seiner Knaben in Schrauben gedreht, wie sie
Apollonius trug; er sah die Ähnlichkeit mit Apollonius in den Zügen der Frau und
Kinder entstehen und wachsen; er hatte ein Auge für alles, was seines Weibes Ver-
ehrung zu dem Bruder, was ihr bewußtes, selbst was ihr unbewußtes Sichhinein-
bilden in des Verhaßten eigenste Eigenheit ausplauderte; er verfolgte dessen Ein-
Auß bis zu dem rechtwinkligen Stande der Wirbel an der Fenstersäule.“ Man sieht
hier so recht, wie das hier gemeinte Verhalten sich sowohl in die Tiefe erstreckt, wie
an der Oberfläche ausbreitet.
Diese Nachahmung richtet sich also auf das Ganze der Person als
eine Einheit. Sie richtet sich nicht zuerst auf eine Reihe von Einzelhei-
ten, um gleichsam summativ die ganze Person nachzuahmen; sondern sie
ist gemäß dem Ganzheitscharakter des menschlichen Seelenlebens ur-
sprünglich auf die Persönlichkeit als Ganzes gerichtet. Die äußere Nach-