Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

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nicht als eine ewige Form des Menschheitslehens betrachten 
können. Schon in dem Worte Herrschaft liegt das Verhältniss 
von Herr und Knecht, wenn auch nicht immer so schroff wie 
im Judenthum, angedeutet. Die Beseitigung eines solchen Yer- 
hältnisses ist aber die Vorbedingung der wirklich freien, auf 
gleicher Gegenseitigkeit beruhenden Vergesellschaftung der 
Menschen. Unterdrückung und Association sind auch im Po 
litischen einander antagonistisch ; wo die willige Vereinigung 
unter dem Gesetz natürlicher Verbindlichkeiten platzgreifon 
soll, muss das politische Herrenthum und zwar nicht blos das 
der Einzelnen oder einer Mehrheit, sondern auch das der Go- 
sammtheit und mithin das ganze Verhältniss an sich selbst 
vorher ausgeschlossen sein. Die beiden Systeme können sich 
zwar mischen, aber nie einen innern Frieden schaffen, und nur 
die reine und vollständige Ausbildung des Freiheitsprincips 
kann der Menschheit die Grundlage zu ungestörten positiven 
Schöpfungen gewähren. Bakunin bekümmert sich um diese 
positiven Zukunftsschöpfungen wenig und zählt dabei auf die 
naturwüchsigen Antriebe der Volksgercchtigkeit und so zu sagen 
auf die Initiative der Volksinstincte, von der er mehr erwartet, 
als von allen bisherigen doctrinären Entwürfen. In diesem 
einzigen Punkte liegt nun allerdings ein schlimmes Stück Nihi 
lismus, und man kann hier aus den Bakuninschen Ideen einen 
Rückschluss auf die Schicksale machen, die der Europäischen 
Civilisation bevorständen, wenn die reactionäre Kehrseite zu 
dem Bakuninschen Fanatismus, nämlich das wirkliche Russland 
sich nach dem Westen hin siegreich ausbreitete. Trotz alledem 
bleiben aber die volkswüchsigen Conceptionen Bakunins eine 
interessante und in manchen Beziehungen sogar bedeutsame 
Erscheinung, der auch bei der ungünstigsten, wenn nur einiger- 
maassen unbefangenen Auffassung allermindestens als einem 
Gegengift gegen verdumpfte üeberlieferungen und Umgebungen 
geistiger und thatsächlicher Art ein gewisser Werth nicht ab 
zusprechen ist, und hieraus erklärt sich auch der umfassende 
Einfluss, den die fragliche Persönlichkeit in verschiedenen 
Culturländern auszuüben vermocht hat.
	        
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