Full text : Handbuch der vergleichenden Statistik der Völkerzustands- und Staatenkunde

84  RUSSLAND  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.
fanden  sich  nach  der  letzten  Revision  1587  Güter  mit  495,373  „Angeschriehenen“
  (frühem  Leibeigenen)  männlichen  Geschlechts.  —  Am  1.  Jan.
1853  waren,  nach  ofhciellen  Angaben,  5’20(),000  „Seelen“  verhypothecirt.
  —  So  lange  das  Land  durch  Leibeigene  bearbeitet  wird;  so
lange  das  Eigenthum  weniger  in  einer  gewissen  Morgenzahl  Landes,
als  (nach  dem  ofdciellcn  Ausdrucke)  in  einer  gewissen  Anzahl  „Seelen“
(von  Leibeigenen)  besteht  ;  so  lange  man  bei  Anlehen  nicht  die  Grundstücke, ­
  sondern  die  dieselben  bebauenden  Menschen  verpfändet;  wird
es  eine  Täuschung  bleiben,  an  einen  waliren  Aufschwung,  an  wirkliche
Entwicklung  der  Kräfte  des  Staats,  seines  Reichthums,  seiner  Production ­
  oder  seines  Besteiierungsvermögens  zu  glauben.  „Ursprünglich
waren  nur  die  zahlreichen  Haus-  und  Hofleute,  aus  Kriegsgefangenen  und
deren  Nachkommen  bestehend,  Sklaven;  die  Bauern  aber  waren  freie
Pächter,  welche  jeden  Georgstag  (Juriews-Tag)  den  Pacht  aufgeben
und  weiter  ziehen  konnten.  Ein  Ukas  vom  21.  Nov.  IGOl  hob  die
Freizügigkeit  auf,  und  fesselte  den  Bauer  an  die  Scholle,  welche  er
am  letzten  Georgstage  bewohnt  hatte.  Dadurch  ward  er  indess  noch
nicht  leibeigen.  Die  Leibeigenschaft  scheint  auch  nicht  durch  ausdrückliches ­
  Gesetz,  sondern  durch  Missbrauch  der  Gewalt  seit  Peter  1.
eingeführt  worden  zu  sein.“  Das  Loos  der  Unglücklichen  verschlimmerte ­
  sich  sehr,  als  man  Fabriken  einführte,  und  viele  von  ihnen
zwang,  in  denselben  zu  arbeiten.  Indessen  ergab  sich  meistens  ein
schlechter  Ertrag,  wenn  man  anders  nicht  die  Leibeigenen  für  eigene
Rechnung  arbeiten  Hess.  Da  bildete  sich  das  jetzt  sehr  verbreitete
System  aus,  wonach  die  Unglücklichen  sich  selbst  Arbeit  suchen  dürfen,
dagegen  eine  ihnen  auferlcgte  Summe  jährlich  entrichten  müssen.  So
findet  man  nun,  da  der  Ackerbau  den  Russen  eigentlich  nicht  zusagt,
sic  vielmehr  ein  Wanderleben  oder  mindestens  wechselnde  Beschäftigung ­
  lieben,  viele  Kaufleute,  Handwerker,  Fuhrleute,  Schiffer  etc.,
welche  leibeigen  sind.  Manche  haben  sich  ein  ansehnliches  Vermögen
erworben,  für  dessen  Sicherheit  sie  freilich  nur  geringe  Garantie  besitzen, ­
  entweder  in  der  Gnade  ihrer  Herren,  oder  höchstens  in  der
angenommenen  Sitte  und  Gewohnheit.
Zu  einer  eigenen  Kaste  hat  sich  das  Beamtenthum  ausgebildet.
Den  Provinzen,  in  denen  sic  verwendet,  meistens  nicht  angehörend,
sind  die  Angestellten  auch  noch  durch  ihre  (wenn  gleich  in  der  Regel
blos  übertünchte)  Bildung  dem  Volke  völlig  fremd;  durch  ihre  Aufgabe ­
  an  sich,  noch  weit  mehr  aber  durch  Feilheit,  Bestechlichkeit,
Raubsucht  und  Corruption  jeder  Art  demselben  tödtlicli  verhasst.  Daher ­
  kommt  es,  dass  jede  Anordnung  von  oben  einem  eigenthümlichen
passiven  Widerstande  im  Volke  begegnet,  und  dass  selten  etwas
weniger  stattfindet,  als  die  Förderung  einer  Regierungsanordnung  durch
die  Bevölkerung  selbst.
Beamtenhierarchie  und  Adel  haben  sich  verschwistert.  Die  Erbitterung ­
  gegen  die  Bedrückungen  und  Erpressungen  des  Adels  führt
alljährlich  zu  vielen  stets  vereinzelten,  localen  Ausbrüchen,  meist  von
den  schrecklichsten  Barbareien  begleitet.  Nach  amtlichen  Erhebungen
kommen  alljährlich  zwischen  60  und  70  (durchschnittlich  67)  Fälle
            
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