Full text: Die sociale Lage der Handlungsgehülfen und ihre Verbesserung durch die kaufmännischen Vereine

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Meinungen bei der kaufmännischen Gehülfeusrage wiederholt: übergroßer 
Wettbewerb, öftere Stellenlosigkeit, magerer Verdienst hier und weitgehende 
Ausnutzung der Handlungsgehülfen dort, wenn sie als große Masse in 
Betracht kommen, viele Ausnahmen im einzelnen natürlich zugegeben. 
Dies dürften in großen Zügen, die natürlich nur das Allernot 
wendigste berühren konnten, diejenigen allgemeinen Ursachen der modernen 
Erwerbsunsicherheit in jeder Branche sein, welche die Lage des kaufmännischen 
Gehülfenstandes sehr wesentlich beeinflussen. Diese Lage hat aber auch noch 
ihre besonderen Eigentümlichkeiten. Während sich auf dem Gebiete der Pro 
duktion und des Verkehrs immer neue Geschäftszweige bilden, die zwar 
alte verdrängen, aber dabei doch vielfach Verdienst iuit> Arbeitsgelegenheit 
nicht bloß für die in der alten Branche beschäftigt Gewesenen, sondern 
sogar noch für neuen Zuwachs bieten, macht sich neuerdings innerhalb der 
civilisierten Staaten eine Entwicklung bemerkbar, welche überhaupt das gauze 
Haudelsgeschäst als besondere Branche überflüssig zu machen strebt. Der 
Produzent sucht aus jede Weise unter Umgehung des Zwischenhandels in direkte 
Verbindung mit dem Konsumenten zu treten; die Konsum- und Eiukausv- 
vereine sind ja in mancher Hinsicht nichts Anderes, als eine Form des direkten 
Bezugs des Verbrauchers vom Erzeuger oder ersten Verkäufer; und eine ge 
wissenlose Agitation hat diese Symptome benutzt, um den tendenziös verall 
gemeinerten Ruf: ..Fort mit dem schmarotzerhaften Zwischenhandel!" zu er 
heben. Daß mit diesem Schlagwort wenig gesagt ist, wird sich im Verlause 
dieser Arbeit noch zeigen. Thatsache bleibt es aber, daß bereits dem Handel 
als solchen, als ganzem Gewerbe, das Thätigkeitsgebiet von verschiedenen 
Richtungen her beschnitten und beengt wird. Dadurch müssen natürlich die 
Aussichten aus lohnende Selbständigkeit für die Gehülfen noch trüber werden. 
Tenn abgesehen von jener Einengung des Zwischenhandels sehen sich die übrig 
bleibenden Händler der Konkurrenz halber gezwungen, ihre Preise möglichst 
den Fabrikpreisen nähern, nub sie können dies nur. wenn sie mit möglichst 
großem Kapital arbeiten. Da türmt sich also dem Selbständigwerden des 
Gehülfen ein neues Hindernis auf. In der That liefern jene Riesenver- 
kaufshäuser, welche jeüt überall, nicht mehr bloß in Amerika, Paris und 
London, sondern auck' in München, Leipzig, Berlin entstehen, nicht bloß zu 
Fabrikpreisen, sondern sie beschäftigen schon ganze Werkstätten für stch allein 
und haben so einen weiteren Vorteil, nämlich das Monopol für gewisse 
Modeneuheiten nicht bloß auf dem Gebiete der Bekleidungskunst, sondern 
alich für die Papier-, Metall- und andere Branchen. Ein pariser Groß 
händler dieser Art hat sich gerühmt daß er in seinem prächtig ausgestatteten 
Verkaufspalais mit allen Raffinements für das Publikum die Geschäfte 
von 1500 mittleren und kleineren Kaufleuten mache. Auch begünstigt neben 
allen technischen Vorteilen noch die Nervosität und Schaulust des Publikums, 
sein Gefallen daran, sich in riesigen Räumen zu Tausenden zu bewegen, 
den Großbetrieb im kaufmännischen Gewerbe mit seinen Vorteilen der Baai- 
zahlung und der raschen Umschläge, während der Kleinhändler immer mehr auf 
das schlecht zahlende und in seiner Existenz sehr unsicher gestellte Publikum 
der Unbemittelten angewiesen ist, das ihn überdies verläßt und in dre 
großen Bazars geht, sobald es einige Groschen im Beutel hat, um erst
	        
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