Spaltes so bedürftige Seit die Menschheit umgibt, wie die gegen-
wart es ift.
Philosophisch hat mich in göttingen besonders Teichmüller ge
fördert, ihm verdanke ich namentlich die Linführung in die Welt
des Aristoteles. Qus Seiten der Philologen war damals für Üristo-
teles so'gnt wie kein Interesse, fa einzelne von den Studenten tadel
ten es, dast ich mich mit diesem Denker eingehend beschäftigte.
Teichmüller hat mich weniger durch seine Vorlesungen als durch
feine aristotelischen Übungen gefördert. Als ich mich zu fenen
Übungen bei ihm meldete, sagte er mir, ich wäre der einzige, der
bis dahin sich gemeldet hätte. Ich erwiderte, es würden sicherlich
mehrere Bekannte von mir kommen; die habe ich für die Sache ge
wonnen. Diese Übungen gaben zunächst den Text des Aristoteles,
sie führten dann weiter in die sachlichen Probleme ein, und sie
zeigten Teichmüller als einen sehr kenntnisreichen, gewandten und
umfassenden Denker. £r war in gefahr, die historischen Daten zu
subjektiv zu behandeln, aber die Trische und die anregende Art, die
das Zanze beseelte, hat uns sehr gefördert. Namentlich berührte
es uns angenehm, dast er bei fenen Übungen, die in feinem eigenen
Haufe stattfanden, uns nach getaner Arbeit zum Tee einlud, dann
manches von feinen weiten .Reisen erzählte, uns Kupferstiche
und Photographien vorlegte, auch uns gelegentlich zum eigenen
Urteil aufforderte. So habe ich in göttingen von keinem mehr
empfangen als von ihm. Qus fenen Übungen ist das Thema
meiner Doktordissertation hervorgegangen, das ich freilich selbst
gewählt habe, und das mir durch die enge Verbindung der philo
logischen und philosophischen Arbeit wertvoll war. Teichmüller
verdanke ich auch die Linführung in das Haus Trendelenburgs;
später wurde ich als fein üachfolger nach Bafel berufen. £r selbst
folgte dann einem Kuf nach Dorpat, wohin ihn persönliche Be
ziehungen riefen. £r hat in der gelehrten Welt nicht die Anerkennung
gefunden, die ihm gebührte.—Unerwähnt möchte ich nicht lassen, dast
auch der Ästhetiker Bohtz sich meiner freundlich annahm, und dast
ich auch einzelne kunstphilosophische Vorlesungen bei ihm hörte. —
inzwischen warf ich mich mit ganzem Lifer auf das Studium der
grosten philosophischen Werke, und ich suchte ihren Lindruck auf
mich gewissenhaft festzulegen. Die Kritiken Kants wurden mit
voller Hingebung ergriffen, aber sie boten mir manche Pro
bleme, denen ich einstweilen nicht gewachsen war. Lher durfte ich
mir ein selbständiges Urteil über das Hauptwerk von David Straust
zutrauen. Die dort gebotene mythische Deutung der Sage setzte
nach meiner Überzeugung einen historischen Kern schon voraus,
und es schien mir künstlich, die Prädikate, welche die Kirche
Lhristus beilegt, der ganzen Menschheit zuzuerkennen, da das