Geistesleben im späteren Mittelalter. 291
Jetzt wurde die Farbe als ein notwendiges Element für die Wieder⸗
gabe der Außenwelt erfaßt. Aber freilich nur als rohe Lokalfarbe,
nicht plastisch, und am allerwenigsten etwa schon im Sinne des
Kolorits. Man tuschte mehr an, als man malte; die Farbe war
noch eine konventionelle Beigabe, sie besaß noch nicht eigenes Leben
und noch viel weniger Beziehungen zu den Nachbarfarben und
zjum Licht; sie deckte mehr, als daß sie rundete und modellierte.
Ganz anders im 15. und 16. Jahrhundert, von den van
Eycks bis zu den Vorgängern der großen Holländer und
Vlamen. Jetzt kannte man das Wesen der einzelnen Farbe
ganz, man modellierte mit ihr bis ins feinste, man hatte sie
aaturalistisch erfaßt, und mit ihrem vollen Verständnis ver—
band sich ein überaus entwickelter Farbengeschmack. Was
aber noch fehlte, das war der Sinn für das Verhältnis der
Farbe zum Licht. Man wußte die Modellierung nicht mit den
Lichtreflexen in Einklang zu bringen, viel weniger das ganze
Bild mit bestimmtem Licht zu beherrschen oder in bestimmtes
Licht zu tauchen: der goldbraune Ton im Genter Altarbild der
van Eycks, an sich fast eine Wundererscheinung in der ersten
Hälfte des 15. Jahrhunderts, darf über diesen Zusammenhang
nicht täuschen; er harmonisiert nur die Farben, ohne sie zu
beleuchten. Der Regel nach aber modellierte man im 15. und
16. Jahrhundert die Lichter ins Weiße, Graue, Gelbe oder in
eine durch Weiß oder Gelb gebrochene Nüance der Hauptfarbe:
eine sehr rohe Annäherung noch an das wahre Verständnis des
Lichtes. So haben sehr deutlich Stephan Lochener und Rogier
van der Weyden, David und Jan Joest gearbeitet; diskreter,
aber in gleicher Manier, verfuhren die van Eycks und auch
noch Dürer. Bezeichnend für diese Auffassung sind die
Grisaillen, die grauweiß in grau oder gelbweiß in gelb, grün—
weiß in grün, braunweiß in braun gemalten Bilder: auf einem
Tafelwerk, etwa dem Rogiers van der Weyden im Städelschen
Museum zu Frankfurt a. Main, fallen sie neben Bildern voller
Farbe kaum auf, während sie später, etwa in den Blumen⸗
stücken der vlamischen Schule, archaisch erscheinen und neben
der ganzen, nunmehr erreichten Farbenwelt stören. Diese
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